12. April 2012

Fertig gestolpert


Es begann mit Stolpersteinen. Zuerst mit echten, dann mit finanziellen und schliesslich mit bürokratischen. Doch nun hat Rikscha Taxi Schweiz endlich Fahrt aufgenommen. Das junge Unternehmen macht Taxifahren zu einer coolen und ökologischen Sache.

***
Text: Reto Wüthrich
(erschienen in ecoLife 02/2012)
***

«Ein so gutes Gefühl wie jetzt hatten wir noch nie», sagt Pascal Nydegger und schaut dabei mit einem entspannten Lächeln zu Chantal Monnier. Sie nickt. Die beiden sitzen in einem Raum mit grün bemalten Wänden an einem Tisch zwischen Kaffeemaschine und Kühlschrank. Das sind zwei enorm wichtige Geräte, wenn man gerade ein Unternehmen aufbaut. Vor einiger Zeit wurde in diesen Räumen etwas ausserhalb des Zentrums von Bern mit Motorrädern gehandelt. Nebenan betreibt der Autovermieter Avis eine Filiale. Nydegger, Monnier und ihr Geschäftspartner Bernhard Wyss hingegen stecken Zeit, Geld und Leidenschaft in ganz andere Gefährte: in Rikscha-Taxis. 2008 haben sie den Einfall dazu gehabt. 2009 eine Firma gegründet. Wenig später wäre die schöne Geschäftsidee beinahe eingestürzt wie ein Kartenhaus.

Feuer und Flamme
Die Firmengeschichte ist am Anfang gespickt von Stolpersteinen. Wobei: Ganz am Anfang noch nicht. Da war vor allem viel Euphorie. Der heute 30-jährige Pascal Nydegger führte seinerzeit ein Unternehmen für Sportbekleidung und war auf der Suche nach einer schlauen Werbeidee. Bei einem Brainstorming kam der Geistesblitz: Werbung auf Rikscha-Taxis. Die Dinger sind sympathisch, ökologischer als Autotaxis und zumindest für den Fahrer oder die Fahrerin auch eine sportliche Angelegenheit. Das passte.
Es passte sogar so gut, dass Nydegger sich mit seiner Kollegin Chantal Monnier hinsetzte, um ein Konzept für einen eigenen Taxibetrieb mit Rikschas zu entwickeln, wobei die Verschalungen als prominente Werbeflächen dienen sollten. Als sie davon dem Chef des Hotels Best Western in Bern erzählten, war dieser sofort Feuer und Flamme. Er stimmte zu, ein Rikscha-Taxi mit dem Logo des Hotels zu beschriften. Also kauften die Jungunternehmer bei einem Hersteller in Deutschland ein entsprechendes Fahrzeug und legten los.
Doch nun kam der erste Stolperstein. Ein echter. Wer die Altstadt von Bern kennt, weiss, dass dort viele Pflastersteine verlegt sind. Nach einigen Fahrten drohte die Rikscha in ihre Einzelteile zu zerfallen. Nydegger und Monnier hatten zwar feste Jobs und somit ein geregeltes Einkommen neben den Rikscha-Taxis. Sie arbeiteten auch mit schlanken Strukturen. Doch dass kurz nach dem Start schon wieder Investitionen für ein neues Fahrzeug nötig waren, riss ein tiefes Loch in die Kasse.

Drohender Konkurs
«Das war schon mal ein turbulenter Anfang», blickt Nydegger auf diese Zeit zurück. Aber es kam dann ja noch viel dicker. Immerhin: Mit dem Berliner Rikscha-Hersteller Veloform fand sich vor gut zwei Jahren der ideale Partner, der mit seinen «City Cruiser»-Modellen genau das lieferte, was sich die drei Schweizer Jungunternehmer gewünscht hatten: ebenso robste wie stilvolle Rikscha-Taxis.
Damit baute das Jungunternehmen seinen Betrieb nun aus, heuerte Fahrerinnen und Fahrer an und expandierte nach Zürich. Doch als die Rikscha-Saison letzten Frühling gerade anrollte, stand die gesamte Flotte auf einmal still und das Unternehmen schon wieder kurz vor dem Konkurs.
Dieses Mal wegen eines bürokratischen Stolpersteins: Das Bundesamt für Strassen (Astra) hielt fest, dass Rikschas nicht als Fahrräder immatrikuliert werden dürften, sondern als Kleinmotorräder gälten. Denn sie seien dreirädrig, fast ein Meter breit und verfügten zur Tretunterstützung über einen Elektromotor mit 250 Watt Leistung. Aber die Anmeldung als Töff plus die Taxilizenzen sprengten das Budget von Rikscha Taxi Schweiz. Hinzu kam, dass kaum eine Fahrerin oder ein Fahrer aus dem Team über einen Roller-Fahrausweis verfügte. Und noch schlimmer: Als Kleinmotorrad hätten die Rikschas nicht mehr in den Füssgängerpassagen der Innenstädte fahren dürfen – also genau dort, wo das Geschäft zu machen ist.

Wellen der Liebe
Ganz so glasklar war die Sache mit dem Gesetz allerdings nicht. In unzähligen Tests und Gesprächen mit Verkehrsexperten war die Rikscha mal ein Velo, mal ein Töff und mal ein Töffli, denn eine eindeutige Kategorisierung gab es bis dahin schlichtweg nicht. Selbst die Fachleute beim Astra waren zwar sehr engagiert und hilfsbereit, letztlich aber auch uneinig. Nydegger und seine Crew fürchteten den totalen Stillstand und ein ewiges Gerangel um Paragrafen.
Sie setzten sich hin, schrieben einen leidenschaftlichen Brief und schickten diesen an alle Mitglieder des Ständerats, des Nationalrats und gleich auch noch an die zuständige Bundesrätin Doris Leuthard. Parallel dazu gelangte die Geschichte in die Medien. «Beamte bremsen Velo-Rikschas aus», titelte etwa der «Blick am Abend». Das löste eine Sympathie- und Solidaritätswelle aus. Bekannte Politiker wie FDP-Präsident Fulvio Pelli forderten eine rasche Lösung: «Diese Jungunternehmer müssen gefördert und sollen nicht von behördlicher Bürokratie behindert werden», liess er verlauten.

Happy End
Von da an ging es erstaunlich schnell: Bundesrätin Leuthard erkannte das Problem und beauftragte das Astra letzten Mai mit der Ausarbeitung einer Art «Lex Rikscha». Am 23. Juni 2011 verschickte das Bundesamt eine offizielle Mitteilung unter dem Titel: «Erleichterungen für Elektrofahrzeuge». Darin war zu lesen, dass diese ab sofort für mehrspurige Fahrzeuge wie dreirädrige Rikscha-Velotaxis gälten. In der neuen Verordnung steht, dass die Rikschas zwar den Kleinmotorrädern zuzurechnen seien. Doch wenn die Höchstgeschwindigkeit mit elektrischer Tretunterstützung 25 km/h, das Gesamtgewicht 450 Kilo und die Motor-Dauerleistung 2 Kilowatt nicht überschreiten, brauchen die Gefährte zum Beispiel kein Abblendlicht, die Fahrenden keinen Töff-Ausweis, und das Befahren von Radwegen ist erlaubt.
Damit war für alle Schweizer Rikscha-Unternehmen das Überleben gesichert – und es herrschte, nebenbei erwähnt, endlich Gleichstand mit den Rikschas in rund 40 anderen Ländern dieser Welt inklusive der gesamten EU. Die letzte Saison konnte damit in extremis noch gerettet werden. Dieses Jahr geht es nun seit dem warmen Frühlingsbeginn so richtig zur Sache. Die Rikschas sind unterwegs, sorgen für lächelnde Fahrgäste, zufriedene Werbepartner und beim Berner Unternehmen für einen florierenden Betrieb. Jetzt werden zügig Franchise-Lizenzen in andere Schweizer Städte vergeben (Basel läuft bereits, Luzern und Genf sollen als nächstes folgen). Und Nydegger hat wirklich allen Grund zur Aussage: «Ein so gutes Gefühl wie jetzt hatten wir noch nie.»

9. Februar 2012

Besser fliegen

Gegen das Jahr 2030 dürften doppelt so viele Flugzeuge wie heute unterwegs sein. Weltweit wird deshalb in riesigen Projekten an der nachhaltigen Zukunft der Luftfahrt geforscht. Schweizer Entwicklungen spielen eine wichtige Rolle.

***
Text: Reto Wüthrich/Manuel Martin*
(erschienen in ecoLife 01/2012)
***

Fliegen ist kein Luxus mehr. Immer mehr Menschen heben ab. Weil es praktisch ist, günstig, effizient, bequem. Aber leider nicht umweltfreundlich. Aktuell trägt der Luftverkehr zwar «nur» zwei Prozent zur globalen CO2-Emission bei. Aber: Die weltweite Flugzeugflotte wird laut Schätzungen stark zunehmen, um den künftigen Bedarf an Flugreisen decken zu können. Die Experten vom Advisory Council for Aeronautics Research in Europe sind fordern deshalb, dass Fliegen erheblich umweltfreundlicher werden muss. In Leitlinien, die sie für die europäische Luftfahrtindustrie erarbeitet haben, fordern sie bis 2020 eine Halbierung der Kohlendioxid- und Lärmemissionen gegenüber 2000; der Ausstoss von Stickoxiden soll gar um 80 Prozent reduziert werden.

Rückkehr des Propellers
Doch wie kann die Fliegerei umweltfreundlicher werden? Laut Jürg Wildi von der Ruag Aviation mit Sitz in Emmen (LU) ist die erzeugte Schadstoffmenge direkt an den Treibstoffverbrauch gekoppelt. «Beim Flugzeug geht es im Wesentlichen darum, den Luftwiderstand zu reduzieren, leichter zu werden und mit effizienteren Triebwerken zu fliegen.»
Ruag Aviation entwickelt derzeit aerodynamische Konzepte für Rumpfhinterteile, die auch mit neuartigen Triebwerken ausgerüstet werden könnten. Solche gelten laut Experten als Schlüssel zur Treibstoffeinsparung. «Bezüglich Effizienz schneidet der Propeller sehr gut ab, doch leider liegt der optimale Betriebspunkt von Propellern und offenen Rotoren bei etwas kleineren Fluggeschwindigkeiten als jener von herkömmlichen Strahltriebwerken», so Wildi.
Dennoch könnte in 10 bis 15 Jahren die Ummantelung des Triebwerks wegfallen. So genannte «Open Fan»-Triebwerke sind dem Propeller ähnlich und weisen zwei gegenläufige Rotoren mit je etwa einem Dutzend geschwungenen Schaufeln auf. Im Windkanal testet Ruag Aviation derzeit zusammen mit Boeing und Rolls Royce dieses Triebwerk der Zukunft.

Leichtigkeit des Reisens
Auf die Leichtigkeit setzt Lantal Textiles: Das Unternehmen aus Langenthal (BE) hat als Weltneuheit vollständig pneumatische Sitzkissen entwickelt. Seit Frühling 2009 werden diese nach und nach in die Sitze der Langstreckenflotte der Fluggesellschaft Swiss integriert. Demnächst soll mit der Lufthansa der zweite Grosskunde folgen. Die Luftkissen sind sehr komfortabel: Luftgefüllte Kammern ersetzen den herkömmlichen Schaumstoff, so dass Reisende den Härtegrad des Sitzes je nach persönlicher Vorliebe individuell anpassen können (von der integrierten Massagefunktion ganz zu schweigen). Die Luftkissen bieten aber vor allem auch wortwörtlich gewichtige Vorteile für die Umwelt: Sie sind viel leichter. Durch die Gewichtseinsparung wird der Kerosinverbrauch entscheidend gesenkt, ergo der CO2-Ausstoss von Flugzeugen. Dass die Airlines Geld sparen, weil sie weniger Treibstoff kaufen müssen, macht daraus eine Win-Win-Situation.

Solare Impulse
Auch Bertrand Piccard und André Borschberg sind von den Luftkissen überzeugt. Wenn die beiden 2014 mit ihrem ambitioniertes Projekt «Solar Impulse» zur geplanten Weltumrundung mit einem Solarflugzeug starten, werden im Cockpit pneumatischen Sitzkissen aus Langenthal installiert sein. Die Flugbranche wird gebannt zusehen. Nicht nur wegen der Sitze. Sondern weil «Solar Impulse» aufzeigen soll, dass auch sehr lange Flugreisen ohne Kerosin und alleine mit Sonnenenergie möglich sind.
Dahinter steckt ein revolutionäres Konzept. Mit seiner gigantischen Spannweite, die der eines Airbus A340 entspricht, und seinem gleichzeitig sehr geringen Gewicht, verfügt der Prototyp von «Solar Impulse» über bisher unerreichte konstruktive und aerodynamische Eigenschaften und bewegt sich deshalb in einem noch unerforschten Flugleistungsbereich. Die Struktur aus Kohlefasern, die Antriebskette, die Bordinstrumente: Alles wurde erdacht und geplant, um sowohl Energie einzusparen, den harten Umgebungsbedingungen für Material und Pilot in grosser Höhe standzuhalten und die hohen Anforderungen an Gewicht und Luftwiderstand zu berücksichtigen. Kurz: Diese Flugzeug ist ein fliegendes wissenschaftliches Experiment, das den technologischen Entwicklungen in der Airline-Industrie einen gewaltigen «grünen» Schub verleihen kann.


* Manuel Martin ist Mitarbeiter beim Portal CH-Forschung.ch

Mein Auto ist dein Auto

Immer mehr Menschen fahren Auto. Aber sie besitzen die Fahrzeuge nicht mehr in jedem Fall selbst. Wurde Carsharing einst als lustige Idee einiger Öko-Freaks belächelt, ist daraus ein Geschäft entstanden, das weltweit boomt. Auch in der Schweiz wird das Auto immer öfters geteilt.

***
Text: Reto Wüthrich
(erschienen in ecoLife 01/2012)
***

«Mobilität muss reibungslos und nachhaltig funktionieren, darf keine wertvolle Zeit verschlingen und muss Ressourcen und den Geldbeutel schonen», bringt es Christian Rauch auf den Punkt. Er arbeitet beim deutschen Zukunftsinstitut und hat zusammen mit seinem Team untersucht, was die Mobilität im Jahr 2030 auszeichnen wird. «Es ist eine neue, umfassende Service-Ökonomie rund um Mobilitätsdienstleistungen», sagt er. Denn Mobilität werde von den Kundinnen und Kunden der Zukunft mehr als Dienstleistung wahrgenommen, denn als glamouröse Produktwelt. In Zukunft werde es darauf ankommen, den Konsumenten ganzheitliche Mobilitätsangebote zu machen, die ihnen dabei helfen, ihren überkomplexen Alltag zu bewältigen. Angebote, die zu den individuellen Mobilitätsbedürfnissen passen, die das Unterwegssein bequemer, nachhaltiger und selbstverständlicher machen. Und ein Megatrend ist laut Christian Rauch nicht mehr aufzuhalten: geteilte Mobilität.

Nutzen schlägt Besitz
Individuelle Mobilität sei für die meisten Menschen eine so elementare Wohlstandserfahrung, dass sie darauf nicht mehr verzichten wollen, heisst es in der Studie «Die Zukunft der Mobilität 2030» des Zukunftsinstituts. Daran ändern auch alle ökologischen Bekundungen nichts. Das Auto bleibt uns wichtig. Doch nicht jeder, der Auto fährt, besitzt auch eines. Im Gegenteil: Für eine wachsende Zahl von Menschen macht es immer weniger Sinn, ein Auto teuer in der Garage stehen zu haben. Das Autoteilen wird gesellschaftsfähig.
Die Schweiz geht voran: Bereits zählt die Carsharing-Genossenschaft Mobility rund 100'000 Kundinnen und Kunden, denen an 1300 Standorten in 470 Ortschaften 2'600 Fahrzeuge zur Verfügung stehen. Im Angebot stehen zehn verschiedene Fahrzeug-Kategorien, damit für jeden Fahrzweck das sinnvollste Auto gewählt werden kann. «Durch das dezentrale Netz der Mobility-Standorte sind heute bereits rund 60 Prozent der Schweizer Bevölkerung am telematikgesteuerten Carsharing-System angeschlossen», heisst es bei Mobility. Eine Studie von Energie 2000, dem Aktionsprogramm des Bundesamtes für Energie, hat das Carsharing-Potenzial in der Schweiz gar auf mindestens 600'000 Personen geschätzt.

Gescheit kombiniert
Hauptargumente für die Nutzung seien die übersichtliche Tarifstruktur, die Verfügbarkeit sowie die einfache Selbstbedienung rund um die Uhr, heisst es bei Mobility. Bereits laufen 92,4 Prozent aller Reservationen über elektronische Kanäle, rund 62,8 Prozent alleine übers Internet.
Der ökonomische Gedanke scheint nicht im Vordergrund zu stehen, gewinnt aber künftig zweifellos an Bedeutung. Mobility achtet denn auch beim Einkauf der Fahrzeuge darauf, dass diese nicht nur sicher, sondern auch umweltfreundlich sind. «Die Mobility-Fahrzeuge sparten im Jahr 2009 rund 1’460 Tonnen CO2 gegenüber dem durchschnittlichen CO2-Ausstoss der Schweizer-Neuwagen», teilt Mobility mit. Im Schnitt verbraucht die Mobility-Flotte 5,92 Liter Benzin auf 100 Kilometer, während der entsprechende Wert der Schweizer Neuwagen gemäss dem Verband Schweizerischer Automobil-Importeure 2009 bei 6,86 Liter pro 100 Kilometer lag. Somit werden jährlich 490’000 Liter Treibstoff eingespart.
Durch kombinierte Mobilität wird der grüne Faktor verstärkt – die Idee: Für lange Strecken nimmt man den Zug, für kürzere Strecken geht man zu Fuss, fährt Velo, Tram oder eben ein Mobility-Auto. Zurzeit bestehen 14 Kooperationen mit Unternehmen des öffentlichen Verkehrs, unter anderem eine enge Kooperation mit den SBB und mit dem Zürcher Verkehrsverbund (ZVV). Das zahlt sich aus: «Wer pro Jahr rund 10’000 Kilometer zurücklegt, spart mit Mobility und dem öffentlichen Verkehr bis zu 4'300 Franken», hat der Carsharing-Anbieter errechnet.

Crowd Mobility
Für Christian Rauch vom Zukunftsinstitut kommt der Erfolg von Moblity nicht überraschend: «Carsharing entspricht wie kein anderes Konzept dem Wunsch, mobil und flexibel unterwegs sein zu wollen, zugleich aber auch die eigenen Mobilitätskosten zu senken und zum Schutz der Umwelt beizutragen.» In Deutschland nutzten Anfang 2011 über 190'000 Kunden rund 5'000 Fahrzeuge. In den 14 Ländern Europas, in denen Carsharing bisher existiert, wurden 2009 rund 380’000 Teilnehmer gezählt, denen 11'900 Fahrzeuge zur Verfügung standen. Auch in den USA ist ein massiv boomender Carsharing-Markt zu beobachten.
Diese enormen Erfolgschancen erkennen immer mehr Autohersteller und arbeiten an der Entwicklung eigener Carsharing-Dienste: Daimler machte in Deutschland den Anfang. BMW und Mini etablieren gemeinsam mit dem Autovermieter Sixt das Carsharing-Konzept «Drive Now». Bei Peugeot kann man nicht nur Pkw mieten, sondern auch Nutzfahrzeuge, Motorroller oder Fahrräder. Und VW startet mit seinem Carsharing-Modell Quicar in den Markt.
Zunehmend entdecken Unternehmen auch die Kraft der Social Networks für neue Mobilitätskonzepte und bauen Online-Communities für privates Carsharing auf. Die Vorreiter für diese neue und nachhaltige Art der «Crowd Mobility» kommen aus den USA, Australien oder London. Hier sind Carsharing-Plattformen nach dem Peer-to-Peer-Prinzip schon seit einiger Zeit erfolgreich, in Deutschland gibt es Tamyca. Die simple Idee dahinter: Privatpersonen haben die Möglichkeit, ihr Auto, wenn sie es selbst nicht brauchen, an Interessenten zu vermieten, die für einen kürzeren Zeitraum ein Auto benötigen.

**
Lese-Tipp: Studie «Die Zukunft der Mobilität 2030». Christian Rauch, Thomas Huber, Sarah Volk. 120 Seiten. ISBN 978-3-938284-61-2. Preis: 180 Euro. Info und Bezug: www.zukunftsinstitut.de

Die Warmduscherin

In Biel gibt es ein Unternehmen mit dem sinnigen Namen Creaholic. Da arbeiten einige der cleversten Menschen der Schweiz. Christoph Rusch ist so einer. Beim Duschen ist ihm eingefallen, wie man dabei viel Energie sparen könnte.

***
Text: Reto Wüthrich
(erschienen in ecoLife 01/2012)
***

Joulia ist hübsch, gut gebaut, gescheit, ökologisch sensibel und eine Warmduscherin. Letzteres mag umgangssprachlich nicht gerade ein Kompliment sein. Aber in diesem Fall schon. Denn Joulia ist keine attraktive Dame, die sich bei der Partnervermittlung beworben hat. Sondern eine Duschwanne. Ihren Namen hat sie in Anlehnung an den britischen Physiker James Prescott Joule erhalten – nach ihm ist die Einheit benannt, mit der Wärmemengen gemessen werden. Das spielt bei Joulia eine entscheidende Rolle: Es ist die erste Duschwanne der Welt mit integrierter Wärmerückgewinnung.
Wenn Sie in einem Vier-Personen-Haushalt wohnen, sieben Mal in der Woche während rund sechs Minuten mit einem Duschkopf mit 9 bis 13 Liter Verbrauch pro Minute duschen und dabei Joulia einsetzen, sparen Sie gut einen Drittel Energie. Würde man dies spielerisch auf die Schweiz hochrechnen, entspräche dies einem Heizöl-Tanklastzug von 104 Kilometer Länge. Gewaltig. Und wer hats erfunden? Die Schweizer. Um genau zu sein: die Bieler.

Bahnbrechende Einfälle
Den entscheidenden Geistesblitz hatte Christoph Rusch als er unter der Dusche stand: Könnte man die Energie des warmen Wassers nicht ein zweites Mal nutzen? Die Frage liess ihn nicht mehr los. Er brachte sie mit ins Büro.
Nun ist wichtig zu wissen, dass sein Arbeitsplatz in einer umgebauten Seifenfabrik an der Zentralstrasse in Biel liegt. Der Arbeitgeber heisst Creaholic. In diesem Unternehmen vereinigen sich Entwickler, Ingenieure, Designer, Physiker, Mathematiker oder Ökonomen, alles clevere und findige Menschen, die interdisziplinär an Innovationen forschen, welche die Welt ein Stück voran bringen.
Bahnbrechende Erfindungen sollten es sein, so die Vision von Elmar Mock. Er ist einer der Erfinder der Swatch-Uhr und hat Creaholic 1986 gegründet. Über 150 Patente und mehr als 600 Projekte sind seither das beeindruckende Ergebnis dieser Arbeit. Creaholic arbeitet im Auftrag namhafter Kunden wie Bosch, Tetra Pak, Swisscom, Roche, Nestlé, Sony Ericsson oder Givaudan, entwickelt aber auch selber Projekte. Zahlreiche Spin-offs sind die Folge. Die im Juli 2010 gegründete Joulia SA ist so eines.

100 geschenkte Stunden
Creaholic hat eine Besonderheit eingeführt: Jeder Mitarbeitende erhält 100 Stunden Zeit, um an eigenen Ideen zu arbeiten. Danach wird das Ergebnis des Hirnens und Tüftelns den anderen präsentiert. Gemeinsam wird entschieden, ob das Projekt weiterverfolgt werden soll oder nicht. Dabei ist auch die Aussicht auf Rentabilität ein Faktor, wie Marcel Aeschlimann erklärt, der Managing Partner von Creaholic: «Viele Leute meinen, eine gute Idee zu haben, sei eine Innovation. Doch für uns ist erst ein am Markt erfolgreiches Produkt wirklich innovativ.» Dass am Ursprung aber manchmal etwas Verrücktes stehen kann, vielleicht sogar stehen muss, das ist für ihn ebenso unbestritten.
Und so arbeitete das eigens formierte Team in den letzten Monaten immer begeisterter an Joulia. An der Swissbau-Messe wurde die kluge Duschwanne jüngst lanciert – und von Sanitär- oder Bauunternehmern ebenso gefeiert wie von allen, die im Badezimmer Wert auf Ökologie gepaart mit gutem Design legen. «Wir haben von Beginn weg ein Auge darauf gehabt, dass die Leute die Wanne eigentlich auch ohne die Ökofunktion kaufen würden – einfach, weil sie so chic und komfortabel ist», sagt Reto Schmid, der Joulia als Head of Design massgeblich geprägt hat.

Sauber Sache
Die ökologisch nachhaltige Funktion von Joulia ist simpel. Und gerade deswegen so raffiniert: Statt das verbrauchte Duschwasser warm in die Kanalisation zu leiten, entzieht der spezielle Duschwannenboden dem abfliessenden Wasser die Wärme. Diese wird nun an das vorbeiströmende Kaltwasser abgegeben, womit sich dieses von zirka 10 auf 25 Grad erwärmt und somit wesentlich wärmer an die Mischbatterie gelangt. Dadurch ist viel weniger Heisswasser aus dem Boiler oder Solarspeicher notwendig. Der einfache und äusserst effiziente Wärmetauscher reduziert den Energiebedarf beim Duschen um fast die Hälfte. Das spart Energie und CO2 und macht die Duschwanne zur ersten, die Geld verdient. Eine saubere Sache.

24. November 2011

Spielplatz für Freitag

Freitags sind umgezogen. Die weltweit bekannte Taschenfabrik hat sich einen Traum erfüllt und im Norden von Zürich mit befreundeten KMU die riesige neue Fabrikationshalle «Nœrd» gebaut. Auf kontaminiertem Boden zwar. Aber ökologisch durchdacht. Das ist kein Zufall.

***
Interview: Reto Wüthrich
(erschienen in «ecoLife» 06/2011)
***

ecoLife: Schön haben Sie es hier. Aber was bitte hat es mit dem kontaminierten Boden auf sich?
Pascal Dulex*: Das Nœrd-Gebäude wurde auf dem ehemaligen Sumpfgebiet Stierenried gebaut. Zwischen den 20er- und 60er-Jahren wurden darauf schadstoffbelastete Produktionsabfälle der früheren Oerliker Industriebetriebe entsorgt. Auch Aushub- und Abbruchmaterial und Hauskehricht landeten auf der ehemaligen Sumpfwiese. Entsprechend war der Boden mit Giessereisand, Schlackebruchstücken und Metallresten belastet. Bevor «Nœrd» realisiert werden konnte, mussten wir die betroffenen Parzellen aufwendig sanieren.

Ein bisschen Sumpfgebiet ist aber geblieben, wie ich sehe.
Ja, eine kleine Restfläche des früher gebietsübergreifenden Rieds konnte erhalten werden und wurde während des «Nœrd»-Baus noch erweitert. Auf dem Dach unseres neuen Zuhauses wird zudem gerade ein Dachgarten gestaltet, der wieder etwas vom verlorengegangenen Grün nach Zürich Nord zurückbringt.

Ökologie ist für Freitag wichtig. Wie äussert sich das bei «Nœrd»?
Unsere neue Wäscherei haben wir so geplant, dass möglichst viel Wasser und Energie eingespart werden kann. So werden die gebrauchten Lastwagenplanen, der «Rohstoff» der Freitag-Taschen, nun mit Regenwasser gewaschen, das wir in einem unterirdischen Regenwassertank sammeln. Zudem wird das letzte, relativ saubere Spülwasser für die nächste Vorwäsche verwendet, und die Wärme des Dreckwassers auf das frische Regenwasser übertragen. Auch die Betriebsabfälle versuchen wir möglichst intelligent zu entsorgen. Wir trennen die verschiedenen Materialien, die anfallen, z.B. Metallösen der Planen und unbrauchbare Planenstücke, und führen sie wo immer möglich individuellen Rezyklierungskreisen zu. Die Planenreste beispielsweise können in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt werden und in Form von Kunststoff-Granulat für die Produktion von Rohren und Schläuchen wiederverwendet werden.

Im «Nœrd»-Gebäude gibt es kaum Luxus. Keine Jacuzzis – dafür Fenster mit Wärmedämmung. Bewusst?
Ja. Ein anderes Beispiel: Wir beziehen die Hälfte unserer Wärmeenergie in Form von Fernwärme von zwei nahe gelegenen Kehricht-Heizkraftwerken und zahlen gerne etwas mehr für Wasser- und Solarenergie.

Und an Ihrem Arbeitsplatz sehe ich einen «Biopoint».
Ja, nicht nur die Produktionsschritte wurden überdacht, sondern auch die Büroräume. Freitag will es den Mitarbeitenden erleichtern, auch ihren Büroalltag etwas ökologischer zu gestalten. In jedem Büroraum sind «Biopoints» eingerichtet – unser selbst entwickeltes Ver- und Entsorgungssystem, das aus mehreren fahrbaren Gestellen besteht. Statt einem grossen Abfalleimer unter jedem Pult, der alles vom «Öpfelbütschgi» bis zum ausgetrockneten Leuchtstift schluckt, kann die Freitag-Crew ihre Abfälle getrennt entsorgen. Daneben hats bei den «Biopoints» auch eine Garderobe, ein Brünneli mit Trinkgläsern, eine Obstschale und Veloparkplätze für die urbanen Nahverkehrsteilnehmer.

Warum tun Sie das?
Vor 18 Jahren entstand aus einer gebrauchten, weggeworfenen Lastwagenplanen, einer ausrangierten Autogurte und einem alten Veloschlauch die erste Freitag-Tasche. Die Geschichte von Freitag begann also schon mit einer nachhaltigen Idee, nämlich aus «Abfall» etwas Neues, Langlebiges zu schaffen. Bei der Planung der neuen Fabrik hatten wir nun auch die Möglichkeit, dies auf die Produktionsstätte auszuweiten und alle Produktionsschritte kritisch auf ihre Auswirkungen auf die Umwelt zu beleuchten.

Ist die Ökologie auch finanzielles Kalkül?
Durchaus, wenn auch ein langfristiges. Ein Beispiel dafür sind die Investitionen, die wir für die neue Wäscherei getätigt haben: Die positiven Effekte auf die Umwelt durch Wasser- und Energieeinsparungen realisieren wir ab sofort – wirtschaftlich gesehen hingegen amortisieren sich diese Kosten wohl erst in 18 Jahren.

*Pascal Dulex ist Mediensprecher von Freitag: www.freitag.ch


***

Auch ökonomisch nachhaltig

Das neu erbaute Freitag-Gebäude im Zürcher Kreis 11 heisst «Nœrd» und wurde exakt auf die Bedürfnisse und Ansprüche der Taschenmanufaktur zugeschnitten. Ein Glückstreffer, denn Hallen in dieser Grössenordnung sind in Zürich rar. Oder unerschwinglich. 7500 Quadratmeter sind es nun. Nicht nur, aber vor allem für Freitag. Denn das Unternehmen hat nicht aufgehört zu wachsen, seit die Brüder Daniel und Markus Freitag vor 18 Jahren die ersten gebrauchten LKW-Planen in der Badewanne ihrer WG wuschen: von 2 auf 130 Angestellte, von 1 auf über 50 Modelle, vom Rampenverkauf auf 8 Freitag-Läden und über 400 Wiederverkäufer auf der ganzen Welt. Und all das ohne einen fremden Rappen. Nie erlag das Unternehmen dem Locken des Turbokapitalismus, sondern blieb der ursprünglichen Produktphilosophie treu. Dazu gehört, dass Freitag nach wie vor in Zürich wäscht, schneidert, lagert, verpackt und versendet. Auch wenn es etwas teuer ist.

Perlen des Alpenraums

3 Hotels. 3 Konzepte. 3 Augenweiden. Und 3 x mit viel Sorgfalt für die Umwelt. «ecoLife» stellt drei Schweizer Berghotels vor. Eines schöner und cleverer als das andere.

***
Text: Reto Wüthrich
(erschienen in «ecoLife» 06/2011)
***

«Für uns war klar, dass Sporz in seiner Natürlichkeit erhalten werden muss – oder besser: dahin zurückgeführt werden muss», sagt Cornelia Gantner über diesen Weiler bei Lenzerheide (GR), 1600 Meter über Meer gelegen, mitten in eine wildromantische Berglandschaft eingebettet. Dort steht heute das Maiensässhotel Guarda Val, das aus elf bis zu 300 Jahre alten Hütten und Ställen besteht. Cornelia Gantner ist die Hotel-Direktorin. Die Frau, die vor etwas mehr als zwei Jahren den aufwändigen Umbau geprägt, koordiniert, nach ihren Vorstellungen durchgepaukt hat und eingesteht: «Eigentlich war ich damals eine glückliche fünffache Vollzeit-Mutter und komme auch überhaupt nicht vom Fach. Dafür hatte ich die Optik eines Gastes.»

Hotel statt Ferienhaus
Das ist an und für sich schon eine verrückte Geschichte. Aber es kommt noch dicker. Cornelia Gantner und ihr Mann Alfred haben ursprünglich gar kein Hotel besitzen wollen. Sie waren bloss auf der Suche nach einem Ferienhaus, das gross genug ist für ihre Familienbande. Also für etwa 25 Personen. Als sie bei einem Mittagessen im «Guarda Val» den damaligen Besitzer fragten, ob er in der Region Lenzerheide so etwas kenne, einen Bauernhof vielleicht, winkte dieser ab. Höchstens sein Hotelbetrieb falle ihm da ein. Eine interessante Idee sei das, sagten Gantners zum verdutzten Hotelier, er solle einen Preis nennen. Dieser meinte süffisant, da müsste schon einer daherkommen, der eine schöne Stange Geld aufwerfen könne, und nannte eine Zahl. Alfred Gantner nahm einen Schluck, schaute den Mann an und bat ihn darum, den Vertrag aufzusetzen. Erst später erfuhr der Hotelier, dass Gantner der Gründer und Chef der Partners Group ist, einem globalen Manager von Privatmarktanlagen mit einem verwalteten Vermögen von über 20 Milliarden Euro.

Rauher Luxus
Da stand sie dann also in diesem Weiler Sporz. Cornelia Gantner sah Häuser, die Emotionen weckten, Geborgenheit und Ruhe ausstrahlten, die irgendetwas an sich hatten, was sie auch nicht so recht in Worte fassen kann, aber das sie einfach gepackt hatte. Sie sah aber auch, dass sich dieses Erlebnis im Innern nicht fortsetzte. Heute ist das anders. Aus dem «Guarda Val» ist ein faszinierender Berghotelbetrieb geworden. Von aussen sieht es aus wie schon immer. Aber in den Hirten- und Sennenzimmer, Maiensäss- und Bauernstuben verbinden sich nun Büdner Alptradition mit einer modernen, rustikalen, dennoch chicen Auffassung von alpinem Design und Lebensstil. Es ist Einfachheit auf höchstem Niveau. Der Luxus besteht darin, dass es keinen gibt. Aber wer im holzgeheizten Hotpot unter dem Sternenhimmel gebadet, sich im Heubett im Spa-Bereich entspannt oder im mit 16 Gault-Millau-Punkten und einem Michelin-Stern dekorierten Gourmetlokal diniert hat, versteht, wenn Cornelia Gantner sagt: «Mein grösster Wunsch ist es, dass unsere Gäste mit einer Träne im Auge abreisen, weil sie sich bei uns so wohl gefühlt haben.»

Traum verwirklicht
So könnte es auch den Gästen im Hotel La Val in Brigels ergehen. Auf einer aussichtsreichen Terrasse auf 1300 Metern über Meer ist zu sehen, was herauskommt, wenn ein Hotelier-Ehepaar mit zwei Kindern alle Zweifel beiseite schiebt und im Herzen der Surselva seinen Traum verwirklichen darf. Ein privater Investor hat Chris und Susan Faber mit dem nötigen Kleingeld ausgestattet, aber auch mit dem Freiraum, ihre Ideen eines alpinen Hotels hier oben in Brigels (GR) umzusetzen. Und das haben sie getan. Es ist ein Glück, sahen Fabers im «La Val» ein Ort, der alpine Authentizität ausstrahlen muss. Während des 14 Monate dauernden Umbaus kamen vorab regionale Materialien zum Einsatz, Valser Quarzit und sonnenverbranntes Holz aus alten Maiensäss etwa, echtes Leder statt Kunstleder, und farblich ist alles in warmem Braun und zartem Grau gehalten. Da und dort hängt ein Hirschgeweih, Kerzen flackern, das Cheminéefeuer knistert, auf dem Weg in das ebenso im «Chalet-Stil» gehaltende Spa schreitet der Gast an einem alten Davoser Schlitten und antiken Holzskier vorbei. Und dann ist da noch dieser grosse Hirschkopf im Restaurant «Ustria Miracla». Ein Lieblingsobjekt des Investors. Und, nebenbei erwähnt, eben dieses Restaurant hat nicht einmal ein Jahr nach der Eröffnung bereits 14 Gault-Millau-Punkte eingesackt.
Was auf die Teller kommt, stammt aus der Region. Das Brot liefert der Dorfbeck, das Fleisch der Dorfmetzger. Das gehört zum Hotelkonzept. Selbst das Massageöl im Spa hat eine Frau aus dem Nachbardorf aus eigenen Bergkräutern hergestellt. «Warum sollen wir etwas weit weg holen, das es in allerbester Qualität vor der Haustür gibt?», meint Chris Faber dazu. Zumal der Gast in einem modern gestylten Berghotel eben genau dies erwartet: lokale Produkte, natürliche Materialien, ein sorgfältiger Umgang mit den Ressourcen.

Schöne Bodenständigkeit
Exakt diese drei Punkte erfüllt auch das Berghotel Wanna in St. Antönien (GR). Und zwar so konsequent wie kaum ein anderer Hotelbetrieb im hiesigen Alpenraum. Carolyn und Baptist Sieber haben das 300-jährige Bauernhaus vollständig umgebaut und dies mit so viel Fingerspitzengefühl getan, dass die Verbindung von modernem Design und Naturverbundenheit wunderbar aufgeht. Grandios ist es zum Beispiel, in der Cheminée-Lounge auf einem gemütlichen Sessel zu fläzen und dabei wahlweise hinaus in die Berglandschaft zu blicken oder durchs grosse Fenster hinüber in den Schafstall. Manchmal verschleppt Hund Bruno die Schuhe der Gäste. Aber das ist okay. Hier oben ist es zu ruhig und zu entspannt, als sich jemand darüber ärgern könnte. Gäste werden wie Freunde behandelt. Unkompliziert ist auch die Küche: Jeden Abend wird ein 3-Gang-Menü serviert. Alles aus lokalen, frischen, echten Bündner Produkten, die Siebers von drei, vier Bauern aus der Region beziehen. Die Energie liefert eine Erdwärmesonde oder der Pelletofen. Ökologische Nachhaltigkeit sei bei ihnen nicht ein ausgetüfteltes Konzept, sagt Baptist Sieber. Sondern selbstverständlich. Die Bodenständigkeit ist nicht inszeniert. Sie ist einfach. Und trotzdem ist es wunderschön. Drinnen wie draussen.

26. Oktober 2011

Von bestem Schrot und Korn

In der Schweiz stellt alle paar Monate eine Getreidemühle ihren Betrieb ein. Umso erstaunlicher, dass es im Emmental eine gibt, die glänzend läuft. Das Geheimnis: Der Chef hat schon vor 16 Jahren beschlossen, nur noch Bio-Getreide zu verarbeiten. Damals lachten sie ihn aus. Heute bewundern sie den Pioniergeist von Thomas Steiner.

Text: Reto Wüthrich

Nach dem Rundgang hat man Mehl an den Schuhen und einen Sack Knusper-Müesli der Marke Biovita in der Hand. Haferflocken sind drin, Rohrohrzucker, Weizenflocken, gepoppter Reis, Weizenmehl, Kokosraspeln, Gerste, Sojamehl, Weizensirup, Honig, Kakaopulver, Haselnüsse oder Milchschokolade. Soviel sei verraten: Es schmeckt ausgezeichnet. Vor allem aber isst man mit gutem Gefühl: Der Rundgang fand in der Steiner Mühle im emmentalischen Zollbrück statt, ein paar Kilometer von Langnau entfernt. Es ist die einzige Mühle in der Schweiz, die ausschliesslich biologisches und biologisch-dynamisches Getreide verarbeitet. Man lese und staune: Sie tut dies bereits seit 1995. Für seinen Entschluss, keine konventionellen Produkte mehr zu verarbeiten, wurde Thomas Steiner, der Chef, belächelt. «Du mit dim Bio-Seich», habe es da und dort geheissen. Heute lacht keiner mehr über Steiner und seine Crew.

Begonnen hatte alles mit einer Anfrage der Rudolf-Steiner-Schule. Ob man nicht in deren Auftrag biologisch-dynamisches Getreide verarbeiten könne. Das war Mitte der 60er-Jahre, als der Bio-Trend noch so futuristisch war wie ein Telefon, das man herumtragen kann. Steiner sagte zu. Ihn interessierte das. Wie ihn vieles halt so interessiert. Das Mehl wurde in Zwei-Kilo-Säcke abgefüllt. Im ersten Jahr kamen gut 2000 Kilo zusammen. Das klingt nach viel. Ist aber lächerlich, wenn man sich vor Augen führt, welche Mengen die Steiner Mühle heute an die Grossverteiler im Detailhandel oder an unzählige Bäckereien im Land liefert: Pro Jahr sind es rund 10'000 Tonnen. Umgerechnet heisst das: 20 Millionen Franken Umsatz.
Gottfried Steiner hatte den Betrieb 1959 gegründet. Sein Sohn Thomas übernahm die Mühle 1980. Er machte sie zur einer der ersten Lizenznehmerinnen sowohl bei Bio Suisse als auch bei Demeter. Als 1995 die Umstellung auf Bio erfolgte, war das für die Branche exotisch, für Thomas Steiner hingegen völlig normal. «Ich bin oft auf Reisen, besuche Bauern überall in Europa oder auch in den USA und Australien. Da habe ich früh mitbekommen, dass viele wieder auf natürliche Produktion umstellten und sich von der Massenproduktion verabschiedeten. Das war eindeutig ein Trend», erzählt Steiner in seinem Büro mit hübschem Blick über satte grüne Wiesen und blühende Felder. In Australien habe er gesehen, wie dadurch Böden wieder zu Leben erwachten, wie sie das Wasser besser speicherten. «Bessere Böden versprechen eine bessere Ernte», sagt Steiner. Da sei ihm klar geworden, dass da auch ein kommerzielle Dimension dahinter steckt. Was vielen erst Jahre später wie Schuppen von den Augen fiel, begriff Steiner sofort: Bio kann ein erfolgreiches Business sein.

Er ist ein bescheidener Typ. Doch wer nachhakt, kann Thomas Steiner ein bisschen stolz über seinen Pioniergeist entlocken. Er selbst sagt: «Es ist schön, dass wir die Konsumentinnen und Konsumenten begeistern konnten.» Auch die Bauern hätten mitgemacht. Allerdings gab es damals zu wenige Lieferanten. Und es gibt auch heute noch zu wenige. Zu gross ist mittlerweile die Nachfrage nach Getreide, Mehlen, Mais, Griessen, Reis, Schrot, Flocken, Hülsenfrüchten, Müesli-Mischungen oder Brotbackmischungen aus der Steiner Mühle.
Fast 70 Prozent der Rohstoffe müssen importiert werden. Höchstens beim Dinkel ist der Import-Anteil etwas geringer. Weizen etwa stammt aus Italien, Österreich, Rumänien, Ungarn oder Deutschland. Wenn immer möglich versucht Steiner das Getreide in EU-Ländern zu bekommen. «Aber Basmatiriis chunnt haut jetz mau us Indie u nid usem Ämmitau.» Wo er recht hat, hat er recht.

Über drei Millionen Kleinpackungen à ein Kilo verlassen die moderne Kleinpackerei bei Steiners in Zollbrück jedes Jahr. Der Grossteil der Abnehmer stammt aus der Schweiz. Bloss vier bis fünf Prozent gehen in den Export. Es dürften gerne in Zukunft etwas mehr sein. Aber mit dem tiefen Euro sei es «gerade nicht so optimal», drückt es Thomas Steiner aus. Das bringt den gelernten Müller, diplomierten Müllerei-Techniker und vielseitig weitergebildeten Emmentaler nicht aus der Ruhe. Ebenso wenig wie steigende Ansprüche an die Lebensmittelsicherheit – im eigenen, vor fünf Jahren gebauten Labor sowie in externen Labors werden alle Getreide systematisch analysiert, bevor sie durch die verschlungenen Rohre der Mühle laufen. Oder die Tatsache, dass es womöglich idealere Standorte für seinen Betrieb gäbe als Zollbrück. Ihm gefällt es hier. Auch wenn das Wasserrad hinter der Mühle längst nur noch nostalgischen Wert hat.
Und auch der ernüchternde Fakt, dass es 1980 noch 160 Mühlen in der Schweiz gab, es heute aber bloss noch etwa 40 sind, bringt ihn nicht um den Schlaf. Er selbst hat in der gleichen Zeitspanne die Steier Mühle von zwei auf rund 40 Mitarbeitende erweitert. Vor einigen Wochen konnte er zudem seine Nachfolge regeln, die sich in der eigenen Familie nicht abzeichnet: Rückwirkend auf Anfang Jahr hat die Groupe Minoteries SA die Steiner Mühle AG zu 100 Prozent übernommen. Die grosse Mühle-Gruppe aus der Romandie will Zollbrück nun als strategischen Pfeiler für den Bio-Markt stärken und ausbauen. Das findet Steiner höchst spannend. Obwohl die Firma nun abgesichert sei, habe er noch längst keine Lust, irgendwo an den Strand zu liegen, sagt er. «Ich habe noch viele Ideen.» Man darf gespannt sein.

www.steiner-muehle.ch

Kraft Foods: «Wenn die Qualität stimmt, ist grün gut»

Kraft Foods ist weltweit der zweitgrösste Lebensmittelhersteller und einer der grössten Einkäufer von Rohkaffee überhaupt. Wenn ein solcher Koloss auf vollständig nachhaltigen Kaffee umstellt, bringt dies einiges ins Rollen. Doch was genau? Und welche Strategie steht hinter diesem Schritt? HANDEL HEUTE hat Daniel Meyer, CEO von Kraft Foods Schweiz, dazu befragt.

Interview: Reto Wüthrich
(erschienen in HANDEL HEUTE 05/2011)

HANDEL HEUTE: Herr Meyer, was haben Sie heute zum Frühstück getrunken?
Daniel Meyer: Ich starte in jeden Morgen mit einer Tasse Kaffee. Und es ist selbstverständlich ein Kaffee aus dem Sortiment von Kraft Foods.

Verraten Sie uns etwas genauer, wie Ihr Kaffeekonsum an einem Arbeitstag wie heute aussieht?
Da ich immer wieder die verschiedensten Kaffeesorten aus unserem Sortiment ausprobieren will, sieht es bei mir in der privaten Küche mittlerweile aus wie in einer Kaffee-Testküche: Vier verschiedene Kaffeesysteme erlauben es mir sämtliche Kaffeesorten nach Lust und Laune zuzubereiten: Die Tassimo-Maschine steht genauso bereit wie ein Vollautomat, eine Kolbenmaschine sowie eine italienische Mokka-Maschine.

Achten Sie darauf, ob es Kaffee aus nachhaltiger Produktion ist?
Natürlich muss der Geschmack stimmen. Aber Nachhaltigkeit ist für mich auch sehr wichtig. Glücklicherweise haben wir mit der Schweizer Traditionsmarke Médaille d’Or einen Kaffee im Sortiment, der beide Anforderungen erfüllt: Er schmeckt mir ausgezeichnet und die Bohnen stammen zu 100 Prozent aus nachhaltigem Anbau.

Kraft Foods hat eigene Marktforschungen angestellt, um herauszufinden, ob die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten wirklich auf nachhaltigen Kaffee stehen. Und?
Wir haben herausgefunden, dass es einem Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer wichtig ist, nachhaltig produzierte Produkte einzukaufen. Insbesondere auch bei Kaffee und Tee kaufen viele Konsumenten sozial- und umweltbewusst ein. Konkret war es fast die Hälfte aller Befragten, die angab, darauf zu achten.

Kann man solchen Ergebnissen trauen? Nur wenige würden bei einer Umfrage heutzutage wohl antworten, dass ihr oder ihm Nachhaltigkeit nicht wichtig ist.
Das Resultat der Befragung zeigt sehr deutlich, dass Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit an Bedeutung gewonnen haben: 44 Prozent haben angegeben, überwiegend oder ausschliesslich zertifizierte Produkte zu kaufen. Die Menschen in der Schweiz sind sich bewusster denn je, dass sie durch ihr Konsumverhalten auch indirekt Verantwortung übernehmen für die Art und Weise, wie die von ihnen konsumierten Produkte produziert wurden.

Ist es denn nicht der Geschmack, der alleine darüber entscheidet, ob man eine bestimmte Kaffeesorte bevorzugt?
Eine Konsumentin hat es in unserer Umfrage treffend auf den Punkt gebracht. Sie sagte: «Wenn die Qualität stimmt, ist grün gut.» Und ich selber bin das beste Beispiel dafür, dass der Geschmack enorm wichtig ist. Doch er ist nicht das einzige Kriterium für die Entscheidung. Schmecken zwei Kaffees sehr gut, aber nur einer davon stammt aus nachhaltiger Produktion, dann entscheiden sich die meisten für den nachhaltigen.

Kraft Foods ist weltweit der zweitgrösste Lebensmittelhersteller und einer der grössten Einkäufer von Rohkaffee überhaupt. Hier haben wir es also mit einem Unternehmen zu tun, das mit seinen Entscheidungen einiges bewirken kann, wenn es zum Beispiel um Nachhaltigkeit geht. Wie präsent ist das Thema ganz grundsätzlich im Unternehmen?
Es ist sehr präsent. Unser Credo lautet: «Nachhaltigkeit muss bei jeder Geschäftsentscheidung dabei sein.» Angefangen von der Rohware, über die Verpackung und den Transport bis hin zur Abfallvermeidung. Unser Schweizer Kaffee Médaille d’Or hat bei Kraft Foods beispielsweise weltweit eine Vorreiterrolle inne – er gehört zu den wenigen Kaffeemarken im Unternehmen, die bereits auf 100 Prozent nachhaltige Rohware umgestellt worden sind. Bis 2015 sollen alle europäischen Kaffeemarken auf Kaffeebohnen aus vollständig nachhaltiger Erzeugung umgestellt werden.

In der Schweiz verbinde Sie die Marke Médaille d’Or gar mit der Aussage, es sei eine «vollständig nachhaltige Kaffeemarke». Was meinen Sie damit?
Wir beziehen alle Kaffeebohnen für unseren Kaffee Médaille d’Or von Farmen, die nach den Standards der international anerkannten, unabhängigen Organisation Rainforest Alliance und ihrer Partnern im Netzwerk für nachhaltige Landwirtschaft zertifiziert sind. Die Rainforest Alliance engagiert sich auf allen drei Ebenen der Nachhaltigkeit: umweltverträgliche Landnutzung, sozial verantwortungsvolle Geschäftspraktiken und verbesserte Lebensbedingungen für die Arbeiter und ihre Familien. Durch die Zusammenarbeit mit der Rainforest Alliance engagiert sich Kraft Foods also indirekt in den Ursprungsländern und damit für den Boden, auf dem der Médaille d’Or Kaffee wächst und für die Arbeiter, die ihn anbauen.

Schauen wir uns die drei Säulen etwas genauer an: Auf welche Art und Weise bietet Médaille d’Or ökologische Nachhaltigkeit?
Auf Farmen, von denen wir die Kaffeebohnen beziehen, erlernen Bauern Methoden der nachhaltigen Landwirtschaft, damit auch künftige Generationen eine gute wirtschaftliche Lebensgrundlage finden. Der Boden und die Umwelt darum herum, wie beispielsweise Wasserläufe, werden geschützt. Besonderes Augenmerk gilt dem Erhalt der Artenvielfalt. Deshalb wächst der Kaffee meist unter schattenspendenden Bäumen heran. Das schafft Lebensraum und Rückzugsmöglichkeiten für die wildlebenden Tiere und trägt auch zu einer besseren Aroma-Entwicklung des Kaffees bei.

Und wie stellen Sie die soziale Nachhaltigkeit sicher?
Landwirtschaftliche Produkte, die das Rainforest Alliance-Gütesiegel tragen, stammen von Farmen in den Tropen, die 100 sozial-, umwelt- und wirtschaftsbezogene Kriterien erfüllen. Zu den sozialen Kriterien gehören zum Beispiel die angemessene Bezahlung der Arbeiter, das Verbot von Kinderarbeit und jegliche Form von ausbeuterischer Arbeit. Die Organisation hat bewirkt, dass rund 2,5 Mio. Menschen in der tropischen Landwirtschaft von verbesserten Lebensbedingungen profitieren. Die Arbeiter werden angemessen bezahlt, wohnen in soliden Häusern mit sanitären Anlagen und Trinkwasser, arbeiten unter sicheren Bedingungen, werden gesundheitlich versorgt und ihre Kinder gehen zur Schule.

Bleibt die ökonomische Nachhaltigkeit.
Auch hier haben die zertifizierten Farmen definierte Kriterien zu erfüllen, unter anderem um die Rückverfolgbarkeit der Produkte sicherzustellen. Am wichtigsten ist wohl, dass die Bauern durch ein besseres Wirtschaften aus eigener Kraft ihre Marktposition verbessern. Durch Bodenschutz gibt es bessere Ernten, weniger Schädlinge, mehr Qualität, das bedeutet auch mehr Erlös auf dem Markt. Und dann hat diese Art und Weise, eine Farm zu bewirtschaften, auch zur Folge, dass Ressourcen gespart werden und die Bauern und Farmarbeiter gesünder und gebildeter sind– all das hilft der ökonomischen Nachhaltigkeit und zwar über Generationen hinweg.

Aus welchen Ländern stammt der Kaffee, der für Médaille d’Or verarbeitet wird?
Unser Kaffee Médaille d’Or wird zu 100 Prozent aus Arabica-Bohnen hergestellt, die aus Süd- und Mittelamerika kommen, zum Beispiel aus Brasilien und Peru. Durch den Einkauf in verschiedenen Herkunftsländern können wir unseren Konsumenten das ganze Jahr über eine gleichbleibend hohe Qualität bieten.

Wie stellen Sie sicher, dass die drei Säulen der Nachhaltigkeit auch wirklich eingehalten werden – in diesen Ländern dürfte die Kontrolle solcher Massstäbe doch eher schwierig sein?
Erfüllt eine Farm alle erforderlichen Kriterien für eine Rainforest Alliance-Zertifizierung, erhält sie die Erlaubnis, das Label für die Dauer von drei Jahren zu führen. Während diesen drei Jahren finden mindestens einmal jährlich Kontrollen statt. Diese Aufgabe wird von einer unabhängigen Instanz übernommen, der SFC (Sustainable Farm Certification). Wenn ein Betrieb die Standards verletzt, sind Sanktionen vorgesehen. Diese reichen natürlich in schwerwiegenden Fällen bis zum Entzug des Zertifikats. Die Kontrollbehörde SFC hat jahrzehntelange Erfahrung in der Kontrolle von Farmen in den betreffenden Ländern und kennt die Verhältnisse dort bestens.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Organisation Rainforest Alliance konkret aus?
Kraft Foods kauft die Kaffeebohnen, die von Rainforest Alliance zertifizierten Farmen stammen, an der Börse ein und zahlt pro Pfund gekaufter Rohware einen Aufschlag. Der Rainforest Alliance zahlt Kraft Foods als Importeur eine sogenannte Participation Fee.

Weshalb haben Sie sich ausgerechnet für eine Kooperation mit Rainforest Alliance entschieden? Es hätten sich ja auch andere Fairtrade-Organisationen angeboten?
Selbstverständlich. Es gibt verschiedenste Organisationen, die sich für Umweltschutz, fairen Handel und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Und sie alle leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass sich die Verhältnisse in den Ursprungsländern Schritt für Schritt verbessern. An der Rainforest Alliance überzeugt uns seit 2003, dass die Bauern lernen, bodenschonend zu arbeiten, grösstenteils auf Düngemittel und Pestizide zu verzichten, die Artenvielfalt zu schützen und für das Wohlergehen der Arbeiter besorgt zu sein. Um nun aber bis 2015 alle europäischen Kaffeemarken auf nachhaltigen Inhalt umzustellen, werden wir eine grosse Menge an Kaffeebohnen aus nachhaltigem Anbau brauchen. Dafür werden wir mit Organisationen wie Rainforest Alliance, Fair Trade und 4 Association zusammenarbeiten.

Wie sind die ersten Reaktionen der Detailhändler ausgefallen?
Unsere Handelspartner haben die Neupositionierung von Médaille d’Or begrüsst, denn auch sie haben ein grosses Interesse daran, ihren Kunden nachhaltige Lebensmittel anzubieten. Nachhaltigkeit ist nicht nur bei uns, sondern auch bei vielen Detailhändlern Teil der Unternehmensstrategie.

Nun ist Médaille d’Or eine grosse und bekannte Kaffeemarke. Aber Kraft Foods hat auch andere Kaffeemarken im Sortiment, die nicht nur in der Schweiz, sondern auf dem gesamten europäischen Markt eine wesentliche Rolle spielen. Wann stellt Kraft Foods auch hier auf Nachhaltigkeit um?
Dies soll bis 2015 geschehen. Aber es gibt bereits jetzt in Europa andere Beispiele nachhaltiger Kaffeemarken. In Deutschland zum Beispiel arbeitet Kraft Foods sehr erfolgreich mit Mc Donald’s zusammen. In über 750 Mc Cafes und 1300 Restaurants werden jeden Tag zigtausend Mal Kaffee aus nachhaltigem Anbau getrunken. Und in England ist unser Kaffee Kenco aus nachhaltigem Anbau gepaart mit Einsparungen beim Verpackungsmaterial eine weitere Erfolgsgeschichte.

Von welchen Mengen Kaffee sprechen wir hier in etwa?
Momentan sind die Mengen noch gering. Die Branche spricht von ungefähr 10 Prozent der Weltproduktion, die heute nachhaltig angebaut werden. Wenn wir alle europäischen Kaffeemarken bis 2015 auf nachhaltigen Inhalt umstellen, sprechen wir von etwa XY Tonnen Kaffee pro Jahr.

Das klingt beeindruckend. Doch Kraft Foods ist letztlich ein Grosskonzern, ja ein Gigant des Lebensmittelmarktes. Kann man in dieser Grösse überhaupt nachhaltig sein?
Selbstverständlich kann Kraft Foods nicht von heute auf morgen alle Produkte auf 100 Prozent Nachhaltigkeit umstellen. So viel nachhaltig produzierte Rohware steht gar nicht zur Verfügung. Diese Entwicklung braucht Zeit. Doch wir arbeiten kontinuierlich daran, auf allen Ebenen nachhaltiger zu werden. Dies beinhaltet nicht nur die Rohware selbst, sondern die gesamte Wertschöpfungskette.

Ihre nachhaltigen Zielsetzungen in Ehren. Letztlich sprechen wir hier von einem hart umkämpften Geschäft. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie die Zielsetzungen in Sachen Nachhaltigkeit revidieren müssen, sobald Sie merken, dass der finanzielle Erfolg zurück geht?
Wir sind davon überzeugt , dass nur Unternehmen, die Schritt für Schritt nachhaltiger werden, in Zukunft Erfolg haben werden. Der Erfolg unseres nachhaltigen Kaffees Kenco in Grossbritannien ist ein gutes Beispiel dafür – seit der Umstellung auf Kaffeebohnen, die zu 100 Prozent von Rainforest-Alliance-zertifizierten Farmen stammen, verzeichnet Kenco ein zweistelliges Wachstum.

Sie glauben also, dass sich das Engagement für Nachhaltigkeit positiv auf den Geschäftserfolg auswirkt.
Ja, die ambitionierten Ziele in den Werken helfen uns zum Beispiel Wasser, Energie und Abfall zu minimieren. Das spart Geld. Und wir wissen auch, dass ein Produkt durch ein Gütesiegel einen Wettbewerbsvorteil erlangen kann.

Wir sprechen vor allem über Kaffee, weil sich hier sehr konkret Veränderungen offenbaren. Doch Kraft Foods will auch darüber hinaus nachhaltiger werden. Was hat das Unternehmen diesbezüglich in den letzten Jahren bereits unternommen?
Nachhaltigkeit spielt bei Kraft Foods schon seit Jahren eine Rolle in der gesamten Wertschöpfungskette. In den vergangenen fünf Jahren haben wir zum Beispiel weltweit die Produktionsabfälle um über 40 Prozent gesenkt. Auch den Wasserverbrauch haben wir um 30 Prozent reduziert. Und die CO2-Emissionen wie auch der Energieverbrauch in den Produktionsanlagen haben um fast 20 Prozent abgenommen. Zudem konnte Kraft Foods in diesem Zeitraum das Verpackungsmaterial um 100‘000 Tonnen reduzieren und die Transportwege um 96 Millionen Kilometer verkürzen.

Das soll erst der Anfang sein. Erzählen Sie uns doch noch etwas über die nachhaltigen Ziele des Konzerns für die nächsten fünf bis zehn Jahre.
Bis 2015 haben wir uns ehrgeizige Ziele gesetzt. Aufbauend auf den erwähnten Erfolgen wollen wir den Energieverbrauch, die CO2-Emissionen, den Wasserverbrauch und die Abfälle in den Produktionsanlagen um weitere 15 Prozent senken. Zudem sollen bis dahin nochmals 50'000 Tonnen Verpackungsmaterial eingespart und die Transportwege um 80 Millionen Kilometer verkürzt werden. Auch bei der Rohware bestehen nebst dem Ziel, alle europäischen Kaffeemarken auf 100 Prozent nachhaltigen Inhalt umzustellen, noch weitere Ziele. Insgesamt soll weltweit 25 Prozent mehr Rohware aus nachhaltigem Anbau eingekauft werden. Das zeigt: Nachhaltige Aktivitäten sind ernst gemeint. Das Unternehmen hat sich auf die «nachhaltige» Reise gemacht. Hier helfen auch Rankings wie der Dow Jones Sustainability Index, in dem wir als einziges US-Lebensmittelunternehmen bereits zum sechsten Mal in Folge gelistet sind.

Emerging Markets: Nachhaltigkeit wird zum Erfolgsfaktor

Schwellenländer sind der Motor der Weltkonjunktur. Das Potenzial der Emerging Markets ist enorm. Doch viele Anleger zögern, weil sie die ökologische und soziale Nachhaltigkeit in diesen Ländern in Frage stellen. Neue Anlaysen der ZKB zeigen aber positive Entwicklungen.

Interview: Reto Wüthrich
(erschienen in ecoLife 05/2011)

ecoLife: Die wirtschaftliche Bedeutung der Schwellenländer ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Sprechen die Aussichten auch im aktuell schwierigen Marktumfeld eher für Schwellenländer als für Industriestaaten?
Simone Schärer*: Schwellenländer werden in ihrer Rolle als Stütze oder Motor der Weltkonjunktur langfristig weiter an Bedeutung gewinnen. Im Vergleich günstigere demografische Voraussetzungen, im Schnitt tiefere Verschuldungsraten und ein tendenziell überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum weisen auf attraktive Wachstumsmöglichkeiten hin und sprechen mittel- und langfristig für eine höhere und diversifizierte Gewichtung der Schwellenländer in der Anlagestrategie von globalen Investoren.

Gleichzeitig lassen sich die Folgen von Umweltzerstörung, Wasserknappheit, Luftverschmutzung und rascher Urbanisierung in zahlreichen Schwellenländern nicht leugnen.
Das ist richtig. Diese Herausforderungen im Umwelt- und Sozialbereich haben einen zunehmenden Einfluss auf die dort ansässigen Unternehmen in ihrer operativen Tätigkeit und müssen im Rahmen des Anlageprozesses systematisch berücksichtigt werden. Wir sind überzeugt, dass sich die Berücksichtigung relevanter Nachhaltigkeitskriterien für Anlegerinnen und Anleger auszahlt.

Weshalb?
Nur ein Beispiel: Während der Kohleverbrauch weltweit und besonders in China rapide ansteigt, ist es bemerkenswert, dass China gleichzeitig auch der am schnellsten wachsende und, gemessen an der installierten Gesamtkapazität, seit 2010 der weltweit grösste Windenergiemarkt ist. Im Spannungsfeld zwischen Umweltverantwortung und steigender Ressourcennachfrage können Unternehmen, die in ihren Geschäftsmodellen und Produktionsprozessen auf Ressourceneffizienz und erneuerbare Ressourcen setzen, langfristig von Wettbewerbsvorteilen profitieren. Und damit auch die Investoren. Das Potenzial für erneuerbare Energien ist immens.

Damit haben Sie den Energiemarkt angesprochen. Gibt es andere Bereiche, die sich fürs «Green Business» in Schwellenländern anbieten?
Die gibt es. Um etwa den negativen Auswirkungen des zunehmenden Verkehrs entgegenzuwirken, sind in Schwellenländern Investitionen in Milliardenhöhe für neue Mobilitätskonzepte nötig. Hier geht es etwa um effizientere Motoren, alternative Antriebssysteme wie Hybrid- und Elektrofahrzeuge oder den Ausbau des öffentlichen Verkehrs.. Vor diesem Hintergrund ist das Thema nachhaltige Mobilität in Schwellenländern auf jeden Fall ein interessantes Investitionsgebiet mit viel Entwicklungspotenzial.

Wird Nachhaltigkeit in den Emerging Markets gar zum eigentlichen Erfolgsrezept?
Wie die Vergleiche der ökologischen Fussabdrücke deutlich zeigen, würde ein Kopieren des Lebensstils der bestehenden industrialisierten Volkswirtschaften durch die aufstrebenden Schwellenländer mittel- bis langfristig zu einem Ressourcenkollaps führen. Abhilfe schaffen können nur vermehrt nachhaltige, innovative und insbesondere ressourceneffiziente Wertschöpfungsprozesse. Viele Lösungsansätze zur Entkoppelung des Wirtschaftswachstums vom Ressourchenverbrauch sind schon vorhanden, weitere werden folgen.

Wo lässt sich dies konkret beobachten?
Nehmen wir das Beispiel Wasser: Weil die Süsswasserreserven wegen der anhaltenden Verschmutzung des Wassers – insbesondere im Siedlungs-, Industrie- und Landwirtschaftsbereich – zusehends knapp werden, ist ihre effizientere Nutzung bereits heute lebensnotwendig. Zudem spielt sauberes Wasser bei der Bekämpfung von Krankheiten und Epidemien in Entwicklungs- und Schwellenländern eine äusserst wichtige Rolle. Aus diesen Gründen steigt gerade in diesen Ländern die Nachfrage nach Wasser- und Abwasseraufbereitungstechnologien. Zentral bezüglich Wassereffizienz sind auch Unternehmen, die spezialisiert sind auf Bereiche wie Wasser-/Abwasserleitungen, Sanitärinstallationen oder Wassermessung, aber auch Unternehmen aus Bereichen, die über wassereffiziente Produkte und Prozesse verfügen.

Die Verletzung von Menschenrechten durch Unternehmen bleibt aber weiterhin ein Problem und stellt auch für Investoren ein Reputationsrisiko dar.
Leider ist das so, ja. Auch bei der Armutsbekämpfung besteht grosser Finanzierungsbedarf. Unternehmen mit höheren sozialen Standards und Geschäftsmodellen, die einen gesellschaftlichen Nutzen erbringen, bieten deshalb langfristig orientierten Investoren mehr Sicherheit. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass Unternehmen in Schwellenländern, die sich mit dem Management von Umwelt- und Sozialfragen sowie mit guter Unternehmensführung von der Konkurrenz abheben, einen bedeutenden Mehrwert bieten.

Wie identifiziere ich solche Unternehmen?
Der steigende Bekanntheitsgrad freiwilliger Standards zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen oder sogar die gesetzliche Verankerung der Verpflichtung zur Berichterstattung in immer mehr Ländern hat dazu geführt, dass die Berichterstattung von Unternehmen zu Nachhaltigkeitsthemen in den letzten 20 Jahren markant zugenommen hat. Auch Schwellen- und Entwicklungsländer haben vermehrt angefangen , über Umwelt-, soziale und Corporate-Governance-Aspekte zu berichten.

Die ZKB führt Nachhaltigkeitsanalysen durch, um interessierten Anlegerinnen und Anlegern massgeschneiderte Anlage-Lösungen anzubieten. Wie gehen Sie vor?
Unsere Analyse erfolgt mehrstufig und ist äussert komplex und tiefgreifend. In einem ersten Schritt prüfen die sieben Analystinnen und Analysten des Nachhaltigkeitsresearch die ZKB Ausschlusskriterien. Diese haben zum Ziel, Unternehmenstätigkeiten oder -produkte aus Investments auszuschliessen, die wesentlich zu den weltweit grössten Umweltproblemen und sozialen Risiken beitragen (z.B. Förderung fossiler Energieträger, Herstellung von Waffen). Dann folgt je nach Unternehmensgrösse eine ausführliche Überprüfung verschiedener quantitativer und qualitativer Positivkriterien. Die dabei positiv bewerteten Unternehmen bilden das nachhaltige Anlageuniversum.

*Simone Schärer ist Senior Analystin im Bereich Nachhaltigkeitsresearch der Zürcher Kantonalbank.

Clevere Tüten

Der Muntermacher der Natur ist für einen gewaltigen Müllberg verantwortlich: Die Nachfrage nach Milch steigt. Nicht nur bei uns, sondern ebenso in Asien, Afrika und Lateinamerika. Wie also sieht eine ökologisch sinnvolle Verpackung aus? Tetra Pak hat ein paar Ideen.

Text: Reto Wüthrich
(erschienen in ecoLife 05/2011)

Es gibt bei Tetra Pak einen Milchindex. Damit messen die Chefs nicht den Milchkonsum ihrer Angestellten. Sondern es handelt sich um eine Studie, die eben zum vierten Mal vorgestellt wurde, und für die nächsten zehn Jahre einen Anstieg des weltweiten Konsums von Milch und anderen flüssigen Milchprodukten um rund 30 Prozent prognostiziert. Das ist viel. Ausgelöst wird der Nachfrageboom vor allem durch das wirtschaftliche Wachstum und die steigende Kaufkraft der Mittelschicht in Asien sowie durch die zunehmende Verstädterung in der Region.

350 Milliarden Liter
Im Milchindex zeigt der weltweit führende Anbieter von Verarbeitungs- und Verpackungssystemen für Lebensmittel Fakten, Zahlen und Trends zur globalen Milchindustrie auf. Zum Beispiel dies: Der Bedarf an flüssigen Milchprodukten wird bis 2020 weltweit in fast allen Regionen steigen. Einzige Ausnahme bildet Westeuropa, das bereits den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Milch verzeichnet. Die stark wachsende Nachfrage in Asien spiegelt die zunehmende Verlagerung der Wirtschaftskraft von West nach Ost wider: Die aufsteigende Mittelschicht wird die Nachfrage nach gesunden und verpackten Produkten in Supermärkten und kleinen Geschäften von Schanghai bis Mumbai ankurbeln.
Der Studie zufolge wird erwartet, dass die globale Nachfrage nach Milch und anderen flüssigen Milchprodukten – einschliesslich aromatisierter Milch, Trinkjoghurt, angereicherten Milchgetränken und Kleinkindmilch – bis zum Jahr 2020 auf rund 350 Milliarden Liter wachsen wird. Im Jahr 2010 waren es 270 Milliarden Liter.

Kehrseite der Medaille
«Eine grosse, neu entstehende Mittelschicht, die Urbanisierung sowie die Verbreitung moderner Einkaufsgewohnheiten durch aktive, gesundheitsbewusste und gut informierte Konsumentinnen und Konsumenten führen zu einem Anstieg der Nachfrage nach verpackter Milch in den sich entwickelnden Ländern», sagt Dennis Jönsson, Präsident und CEO von Tetra Pak. «Das wirtschaftliche Wachstum in Schwellenmärkten hat Millionen Menschen aus der Armut geholt. Sie haben mehr Geld, eine bessere Ausbildung und höhere Ansprüche», so Jönsson weiter. «Das bedeutet für die Milchproduzenten sowohl eine Herausforderung als auch die Chance, den wachsenden Durst der Welt nach Milch zu stillen.»
Das ist auch schön für Tetra Pak, dessen Verpackungen täglich Hunderte von Millionen Menschen in weltweit über 170 Ländern in Händen halten. Mit fast 22'000 Mitarbeitenden ist das Unternehmen in über 85 Ländern tätig. Kehrseite der Medaille: Mit dem steigenden Konsum wachsen auch die Müllberge und der CO2-Ausstoss. Die grossen Marken und Händler in aller Welt verstärken deshalb ihr Engagement, um Abfälle und CO2-Emissionen zu reduzieren. Dieser Trend wird sich laut dem Milchindex fortsetzen. Zum Beispiel versprach die amerikanische Milchindustrie unlängst, ihre CO2-Bilanz bis zum Jahr 2020 um 25 Prozent zu verbessern. Tetra Pak kündigte vor kurzem an, seinen CO2-Ausstoss bis Ende 2020 auf das Niveau von 2010 verringern zu wollen. Relativ gesehen entspricht dies einer Reduzierung des äquivalenten CO2-Ausstosses um 40 Prozent.

Grüne Innovation
Das geht nicht mir nichts dir nichts. Sondern setzt Innovationen voraus. Tetra Pak gilt in der Branche als Antreiber für neue Entwicklungen. So wurde jüngst ein Produkt mit dem Namen Evero Aseptic lanciert: der erste aseptische Getränkekarton für Milch in Flaschenform. Die neue Verpackung für haltbare Milchprodukte kombiniert die einfache Handhabung einer Flasche mit den ökologischen und ökonomischen Vorteilen des Kartons. «Es handelt sich um ein völlig neues Verpackungskonzept mit klaren Vorteilen für die Hersteller, den Handel sowie die Konsumenten», wirbt Charles Brand, Vice President Marketing und Product Management bei Tetra Pak.
Die Produktneuheit wurde ursprünglich für UHT-Milch entwickelt, einschliesslich nicht sauerstoffempfindlicher Milch, die mit Kalzium, Proteinen, Fasern (Inulin), Vitamin A und D und Mineralstoffen angereichert ist. In Kürze wird sie auch für Rahm und eine breite Palette an weiteren Getränken angeboten. Dazu zählen Milchmischgetränke sowie sauerstoffempfindliche, mit Omega 3, Eisen, Zink und Vitamin C angereicherte Milch.

Tüten mit FSC
Erste Molkereien etwa in Spanien oder Deutschland haben ihre Betriebe für die neue Verpackung umgerüstet. Dabei kommt ihnen zu Gute, dass die Betriebskosten 25 Prozent niedriger und der Stromverbrauch 50 Prozent unter jenem dem anderen aseptischen Flaschenabfüllanlagen liegt. Das ist auch für die Umwelt relevant. Zudem gilt Karton aus nachwachsenden Rohstoffen und mit FSC-Zertifizierung als umweltfreundlich. Und nur solcher wird bei Tetra Pak verwendet.

Der Dirigent im Rebberg

Der eine Grossvater war Weinbauer. Der andere klassischer Sänger. So wächst Christoph Rehli auf: zwischen Winzerhandwerk und Leidenschaft für Musik. Sein ganzes Leben bewegt er sich zwischen zwei Welten. Auch heute noch. Rehli ist Dirigent und gleichzeitig Bio-Weinbauer.

Text: Reto Wüthrich
(erschienen in ecoLife 05/2011)

Ganz still ist es in der alten Villa. Durch die Fenster fallen Sonnenstrahlen in die dunklen Räume. Es ist das Institut für Klassik, Dirigieren und Kirchenmusik, das zur Hochschule Luzern gehört. Das Haus liegt an traumhafter Lage auf Dreilinden, hoch über der Stadt mit Blick auf den Vierwaldstädtersee und die Berge. Die Tür schwingt auf. Die Holzdielen knarren. Christoph Rehli ist da. Ein schlanker Mann mit grauen Locken, die ihm in den Nacken fallen. Wir setzen uns neben einen Selecta-Automaten, der hier hin passt wie eine Cola-Dose ins Gourmetrestaurant. Und dann erzählt Rehli seine Geschichte.

Zwei Welten
Es ist eine, die immer wieder in vermeintlich unterschiedlichen Welten spielt. Bis heute, da er gleichzeitig Dirigent und Weinbauer ist. Schon die Kindheit führte ihm vor Augen, wie verschieden die Welt sein kann. Daheim in Lindtal, der südlichsten Gemeinde im Kanton Glarus, sah er gewaltige Berge, rohe Natur und bäuerlicher Alltag auf der einen Seite. Ein zunehmend durch die Industrialisierung geprägter Kanton auf der anderen. Auf der Strasse traf er knorrige Einheimische, aber auch Italiener und Türken, die in den Fabriken arbeiteten. Wilde Winter trieben ihn raus zu Schneeballschlachten. Und wenn er heimkehrte, war das Haus erfüllt von klassischer Musik. Der eine Grossvater arbeitete als Weinbauer. Der andere als klassischer Sänger. Zwei Welten.
Nachdem er die Matur im Sack hatte, liess er Glarus hinter sich. Für immer. «Ich wusste schon immer, dass ich Dirigent werden will», erzählt Christoph Rehli. Also ging er nach Zürich, um an der Musikhochschule zu studieren. Er promovierte in den Hauptfächern Dirigieren, Klavier, Orgel und Theorie. Sein Wissen vertiefte er später in Amerika oder der Tschechischen Republik, er nahm Privatstunden in Paris, besuchte Meisterkurse in halb Europa, stellte da und dort Orchester zusammen, um als Dirigent Praxis zu sammeln. Viel Zeit verbrachte er in Osteuropa, das ihn künstlerisch faszinierte. Seine Leidenschaft für die Musik verband er mit sozialem Engagement. Rehli dirigierte die Orchester nicht nur, er half ihnen auch Tourneen zu organisieren und CD-Aufnahmen zu machen, um Devisen zu beschaffen. Er erinnert sich an kalte Proberäume. Aber auch an warme Herzen.

Im verlorenen Land
Bald ist Glarus weit, weit weg. Die Kontakte verflüchtigten sich. Rehlis Eltern zogen weg. Auch sie liessene sich davon inspirieren, dass die Welt zwei Gesichter hat. Als die Roten Brigaden, eine kommunistische Untergrundorganisation, in den 70er-Jahren Italien in Angst und Trauer versetzte und niemand, wirklich niemand einen Gedanken daran verschwendete, in der Toskana Ferien zu machen, taten Rehlis Eltern genau dies. Mehr noch: Sie kauften unter verständnislosem Kopfschütteln ihrer Bekannten in der Nähe von San Gimignano ein verlottertes Bauerngut, das davor mehr als ein Jahrzehnt leer stand.
Der Teenager Christoph, eben 14 Jahre alt geworden, verstand es zuerst auch nicht. Aber als er zum ersten Mal dort war, verschlug es ihm den Atem. Er sei sofort in die Landschaft, die Sprache, die Kultur vernarrt gewesen. Und erst recht in die Küche. «Ich war mir Kaffee komplett und Milchreis gewohnt», so Rehli vielsagend.

Der gute Freund
Zum Gehöft gehören ein Rebberg und 150 Olivenbäume. Als kurze Zeit später ein junger Bauer in die Nachbarschaft zog, baten ihn Rehlis, sich darum zu kümmern. Marco und seine Frau Enza sagten zu. Es entstand eine tiefe Freundschaft, die immer noch anhält. Und der letztendlich zu verdanken ist, dass Vedi Torre – so heisst das Bauerngut – heute einen sagenhaften Wein und bestes Olivenöl produziert.
Immer wieder verbrachte Christoph Rehli seine Freizeit in der Toskana. Ende 1999 ging das Landhaus in seine Hände über. Er renovierte es sanft, wahrte dabei den ursprünglichen Charakter und bot es kurze Zeit später erstmals zur Miete an. Die Gäste waren begeistert. Viele kommen immer wieder und bleiben wochenlang. Mit dem Rebberg indes verfuhr er radikaler. Er liess ihn abreissen. Doch nur, um einen professionellen Neuanfang zu wagen. Rehli bat einen Agro-Önologen aus Siena, sich den Boden, die Lage, die Hangneigung anzusehen, um ihn zu beraten. Der Experte war etwas verwundert, dass Rehli in einer Gegend, die vor allem für Weisswein bekannt ist, einen Roten produzieren wollte. Doch Verwunderung wich bald Bewunderung.

Ehrliche Arbeit
Im Jahr 2005 wurden die ersten Reben gesetzt, 2008 folgte die erste inoffizielle, ein Jahr später die erste offizielle Ernte. Diesen Herbst kommt der erste Jahrgang auf den Markt. Ein ehrlicher Wein, dicht, von hoher Qualität, rühmen selbst so bekannte Sommerliers wie Paolo Basso und Jérôme Aké Béda. Vor allem aber ist es ein Bio-Wein. «Der Boden ist so gut, die Umgebung unglaublich, die Weintradition gross», sagt Rehli. Alles andere als eine ökologisch nachhaltige Weinproduktion, naturschonend und unverfälscht, kam für ihn gar nie in Frage. Dafür nimmt er in Kauf, dass die Umstände nie mehr als 6000 Flaschen Wein pro Jahrgang zulassen werden. Dass die Arbeit mühselig ist, weil alles von Hand gemacht wird. Dass jede unschöne Traube einzeln herausgeschnitten oder nach der Ernte aussortiert werden muss, weil nur die besten Früchte einen Wein hervorbringen, wie ihn sich Rehli vorstellt.
Dies ist die Schnittstelle, wo Rehlis unterschiedliche Welten ineinander greifen: der Dirigient und der Weinbauer. Bei einem Sinfonieorchester geht er mit Klangvorstellungen an ein Werk, füllt diese mit Musik, mit Charakter, mit Farbe, wie Christoph Rehli es beschreibt. In einer ganz besonderen zeitlichen Abfolge entstehe etwas, das er da und dort beeinflussen könne, aber nicht restlos. Vieles geschehe aus der Natur der Sache heraus. Und wie es dann wirklich klinge, das vollendete Werk, zeige erst das Konzert. Es sei also wie beim Wein: «Bis der Schluck im Glas ist, weiss man nicht so genau, was herauskommt», sagt Rehli.


***


Besuch auf Vedi Torre

Die sanfte Hügellandschaft zieht einen sofort in seinen Bann. Das Auge streift in die Weite und erkennt die Türme von San Gimignano. Dazwischen Rebberge, Olivenhaine, stattliche Landhäuser und Zypressen-Alleen. Nach Florenz sind es vierzig Kilometer, nach Siena oder Volterra je etwa dreissig. Wir befinden uns im Weiler Casaglia mit dem ehemaligen franziskanischen Kloster aus dem 11. Jahrhundert. Anfangs der 70er-Jahre erstanden die Eltern von Christoph Rehli hier das Landgut Vedi Torre. Seit etwas mehr als zehn Jahren führt es ihr Sohn. Er renovierte die Stallungen und das Wohnhaus ohne den ursprünglichen Charme anzutasten. Terracottaböden, die alte Raumeinteilung, dunkle massive Holzbalken an der Decke – alles ist noch da. Auch den Rebberg gab es schon früher. Rehli liess ihn abtragen und neu aufschichten. Der Hang neigt nach Südwesten. Tuff, Lehm und Sand wechseln sich in Schichten ab. Mit den 1,25 Hektaren und gut 5000 Rebstöcken dürfte Vedi Torre das kleinste Weingut der Toskana sein. Aber vielleicht eines der besten. Achtzig Prozent der Trauben sind Sangiovese, zwanzig Prozent Canaiolo Rosso, beides autochthone, typische Sorten der Toskana. Sie ergeben einen ausgewogenen, fruchtigen und gradlinigen Wein. Der etwas leichtere Sonora 2009 eignet sich zu Antipasti genauso gut wie zu Pasta. Der Eco Barrique 2009 lagerte zwölf Monate in Eichenfässern und ist die Perle des Weingutes. Ein runder voller Wein mit kräftiger Farbe und einem Charakter, dem man die Erde und Sonne der Toskana förmlich ansieht.

25. Oktober 2011

«Die Positionierung ist etwas Langfristiges»

Als Verwaltungsrätin hat Arianne Moser die Positionierung von Schild, Bernina und Dropa massgeblich mitgeprägt. Und dies mit viel Erfolg. Worauf kommt es an?

Interview: Reto Wüthrich
(erschienen in HANDEL HEUTE 05/2011)

HANDEL HEUTE: Wann hat Sie letztmals ein Einkaufserlebnis positiv überrascht?
Arianne Moser: Besonders gerne erinnere ich mich an ein Einkaufserlebnis vergangenen Herbst in einem gehobenen Modefachgeschäft. Ich war auf der Suche nach einem pfiffigen Blazer. Bei der Umkleidekabine angelangt, begutachtete ich mich im Spiegel, als mich eine Verkäuferin nach meinen Vorstellungen fragte und mich genau betrachtete. Mit der Bemerkung «Ich habe etwas Passenderes für Sie» machte sie sich davon, um umgehend mit einem Blazer zurückzukehren, der in der Tat genau meinen Vorstellungen entsprach. Eine Stunde später verliess ich, neu eingekleidet, dieses Geschäft, um in einem empfohlenen Schuhladen noch die passenden Stiefel zu kaufen. Und ich habe heute noch Freude an diesem Kauf.

Was hat dieses positive Erlebnis ausgemacht?
Das Besondere war, dass diese Verkäuferin ein ausgezeichnetes Gespür hatte und mich als Person sehr individuell meinem Stil und Typ entsprechend beraten hat. Es klingt so banal, aber ich hatte das vorher noch nie so professionell erlebt.

Beim KMU-Detailhandelsforum werden Sie ein Referat mit dem Titel «Die Bedeutung der Positionierung» halten. Es wird darum gehen, wie sich ein Unternehmen am Markt ein eigenes Gesicht geben kann. Das Personal kann viel dazu beitragen, wie Sie eben aufgezeigt haben. Doch Bernina ist ein weltweit tätiges Unternehmen. Was ist hier das Geheimnis des Erfolgs?
Die Marke Bernina steht seit rund 80 Jahren für die weltweit besten Näh- und Stickmaschinen im Haushalt. Das Geheimnis des Erfolgs liegt in der Kompromisslosigkeit, mit der dieses Ziel verfolgt wird, was auch immer wieder erhebliche Investitionen in die Weiterentwicklung beinhaltet. Die Bernina 830 gilt als weltweit innovativstes Näh- und Sticksystem für Heimnäherinnen. Insgesamt wurden für diese Maschine 15 Patente eingereicht.

Welche Kundenbedürfnisse in bezug auf die Positionierung stellen Sie in der Schweiz fest?
Der traditionelle Käufer in der Schweiz sucht Stabilität und Sicherheit. Die findet er in Marken, denen er vertraut. Dafür sind die Schweizer auch bereit etwas mehr zu bezahlen. Dagegen war die «Geiz ist geil»-Haltung nach meinem Empfinden hier weniger ausgeprägt als in Deutschland.

In welcher Form hat sich das Modehaus Schild auf diese Bedürfnisse eingestellt?
Schild hat das Angebot an internationalen Marken und Marken mit Exklusivitätscharakter verstärkt und ist so zum führenden Modehaus der gehobenen Mitte geworden. Bereits sind drei Standorte nach dem einer urbanen Modemeile nachempfundenen Konzept umgebaut. Schild arbeitet konsequent an seiner Positionierung als Service-Leader. Die moderne Unternehmensmarke wird verstärkt kommuniziert. Dank der erfolgreichen Neupositionierung hat das Traditionshaus in den letzten Jahren den Umsatz und seinen Marktanteil kontinuierlich gesteigert.

Die Positionierung des Unternehmens oder der Marke bestimmt auch die Gestaltung der Shops. Worauf gilt es zu achten?
Ein Ladendesign sollte mit der Positionierung und der Corporate Identity übereinstimmen, die Wertigkeit eines Ladenlokals dem Pricing entsprechen und die Emotionalität auf die Zielkunden ausgerichtet sein. Veranschaulichen lässt sich dies beispielsweise, wenn man sich die Eigenheiten von Interdiscount, Mobilezone, Swisscom Shop und Apple Store vor Augen führt. Alle vier bieten elektronische Kommunikationsmedien an. Der Unterschied liegt neben dem Pricing in der Wertigkeit des Auftritts, der Art die Kunden anzusprechen und der Emotionalität.

Richtet sich Dropa nach solchen Kriterien?
Dropa steht für hohe Beratungs- und Sortimentskompetenz in den Bereichen Gesundheit und Schönheit, wobei im Bereich der Gesundheit nebst den klassischen Heilmitteln der Schulmedizin auch ein starker Fokus auf Naturheilmittel und Ganzheitlichkeit gelegt wird. Diese Kompetenz und insbesondere auch der Fokus auf Naturheilmittel will Dropa in ihren Geschäften sichtbar und erlebbar machen. Dafür wird sehr viel in die Ausbildung der Mitarbeitenden investiert.

Eine klare Positionierung ist ein Erfolgsfaktor. Ein zu starres Festhalten an einer Positionierung kann aber auch zu fehlender Dynamik führen.
Grundsätzlich ist eine Positionierung etwas langfristiges. Falls Sie nicht gerade in einem neu entstehenden Marktsegment tätig sind, braucht es in der Regel viele Jahre, bis die Zielkunden eine veränderte oder neue Positionierung wahrnehmen und das Image entsprechend geprägt wird. Denn wie soll eine Positionierung wahrgenommen werden, wenn sie immer wieder ändert? Daher empfehle ich, eine Positionierung beizubehalten, solange sie zukunftsträchtig erscheint und einer Firma oder Marke eine gesunde Existenz und Entwicklung ermöglicht. Ob dem so ist, sollte hingegen jährlich überprüft werden.

Wie kann man verhindern, dass man eine vorgenommene Positionierung nicht allzu früh schon wieder über den Haufen werfen muss?
Aus meiner Sicht sind eine gründliche Analyse des Wettbewerbsumfelds, inklusive technischer, regulatorischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, sowie eine realistische Einschätzung der eigenen Kompetenzen und personellen und finanziellen Ressourcen Grundvoraussetzungen. Dann ist abzuklären, ob die angestrebte Positionierung Kundenrelevanz besitzt und ein rentables Businessmodell ermöglicht. Schlussendlich gilt es darauf zu achten, dass die Positionierung konsequent umgesetzt wird und alle unternehmerischen Massnahmen einen Beitrag zu ihrer Erreichung leisten.

((Fussnote))
Arianne Moser-Schäfer, 46, war bis im Mai Verwaltungsrätin der Schild-Gruppe. Sie ist VR-Mitglied des Haushaltgeräteherstellers Bernina und der Drogeriekette Dropa. Nach ihrem Betriebswirtschaftsstudium arbeitete Moser für den Unilever-Konzern in der Schweiz und in Polen sowie für Lindt & Sprüngli als Product-Group-Managerin. Ab 1996 begleitete sie, als selbständige Marketingberaterin, renommierte Firmen in Positionierungsfragen, ehe sie eine zweijährige Mutterschaftspause einlegte. Moser ist verheiratet und hat drei schulpflichtige Kinder.

20. Oktober 2011

Urban Farmers: Forelle vom Dach

Ein junges Schweizer Unternehmen will im gleichen Wasserbad Forellen züchten und Tomaten ziehen. Und zwar in einem Gewächshaus, das auf dem Flachdach mitten in der Stadt steht. Klingt total gaga. Die Urban Farmers meinen es aber ernst. Und sind auch für den Detailhandel spannend.

Text: Reto Wüthrich

«Guten Tag, mein Name ist Roman Gaus. Ich komme von den Urban Farmers. Wir würden gerne auf dem Flachdach Ihres Industriegebäudes Forellen und Gemüse züchten.» So oder ähnlich könnte sich der Jungunternehmer vorstellen, wenn er in Schweizer Städten nach geeigneten Orten für sein Projekt sucht. Denn im Kern geht es beim Start-up-Unternehmen Urban Farmers aus Zürich genau darum: auf 500 bis 1500 Quadratmetern grossen Flachdächern, Industriebrachen oder ungenutzten Zwischenräumen ganzjährig Gewächshäuser zu betreiben, um dort Fische zu züchten sowie Obst, Gemüse oder Salat anzupflanzen.
Natürlich klingt das beim ersten Hinhören utopisch und verrückt. Doch die Urban Farmers sind absolut ernst zu nehmen. Gaus ist Ökonom und war Manager in leitenden Positionen verschiedener Industrieunternehmen. Zu den Mitgründern und zum Kernteam gehören ein Wissenschaftler, ein Ingenieur, ein Architekt und ganz grundsätzlich junge Menschen mit beeindruckenden Abschlüssen und Titeln. Und einer gemeinsamen Vision: Mit Urban Farmers wollen sie zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung beitragen, indem sie «unter ökologisch nachhaltigem Ressourceneinsatz lokale Lebensmittel in der Stadt für die Stadtbevölkerung produzieren». So steht es auf der Website. Doch wie sieht die Realität aus?

Treffen mit Roman Gaus in einem der bekannten Viadukt-Bogen im Zürcher Kreis 5. Im so genannten Hub Zürich steht sein Bürotisch. Hier arbeiten unterschiedliche Leute, die zukunftsweisende Projekte anpacken. Sie tun Dinge, die teilsweise völlig gaga klingen. Aber die vielleicht morgen die Welt verändern. Urban Farmers passt hier her. Beim Gespräch bestätigt Gaus die Sache mit den Gewächshäusern in der Stadt: Jawohl, wir wollen städtische Farmen betreiben, wo im Winter zum Beispiel Forellen und Nüsslisalat heranwachsen, im Sommer Zander, Kräuter, Peperoni, Gurken, Erdbeeren, Bananen oder Melonen.
Hinter dieser Idee steckt eine ebenso komplexe wie clevere Wissenschaft, die an der Zürcher Hochschue für Angewandte Wissenschaft seit 1999 intensiv erforscht wurde: Aquaponic basiert auf den beiden Anbaumethoden «Aquakultur» (Aufzucht von Fischen oder Pflanzen im Wasser) und «Hydroponic» (Aufzucht von Pflanzen im Wasser statt traditionell im Boden) und nutzt dabei die Symbiose der Natur, indem die Nährstoffe aus der Fischfarm als natürliche Düngemittel für die Aufzucht von Pflanzen verwendet werden.

Wie das technisch genau funktioniert, ist im Internet bestens dokumentiert. Verblüffend und gewichtig sind jedenfalls die Vorteile dieses Systems: Gegenüber konventionellen Pflanzenkulturen im Boden verringert sich bei Aquaponic der Wasserbedarf um mindestens 80 bis 90 Prozent, da das Wasser im Kreislauf zirkuliert und nicht im Boden versickert. Gleichzeitig entstehen durch und durch biologische Produkte, denn der Einsatz von Pestiziden, Fungiziden oder Antibiotika würde den Kreislauf ad absurdum führen. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist zum Beispiel absolut ausgeschlossen, da diese Stoffe sonst in die Fischzucht gelangen und die Fische schädigen würden.
Angesichts dieser Technologie wird schnell einmal klar: Urban Farmers bietet keine lustigen Tools für den eigenen Balkon. Viel mehr ist jedes einzelne Gewächshaus ein professionelles Kleinunternehmen, das von einem ausgebildeten Profi geleitet wird. «Wir wollen Urban Farmers jetzt mal etablieren und dann in einem Franchising-Konzept vervielfältigen», sagt Roman Gaus. Sein Unternehmen soll künftig die Planung, Umsetzung und Inbetriebnahme einer Anlage managen. «Sobald die Produktion jedoch läuft, ziehen wir uns zurück und stellen mit technischem Support die Qualität und Wartung der Urban Farm sicher.»

Okay, das System haben wir also verstanden. Wer aber wird die Zanderfilets und Salate aus diesem futuristisch anmutenden Stadtbauernhof letzten Endes essen? Simpel ausgedrückt: Jede Urban Farm ist eine Genossenschaft, und wer sich finanziell beteiligt, kriegt den gesunden Food auf den Teller. Eine Urban Farm von 500 Quadratmetern Fläche wirft jährlich rund 3 Tonnen Fisch und 15 Tonnen Gemüse ab. «Damit können wir 200 Menschen ein ganzes Jahr lang ernähren», rechnet Gaus vor. Dank dieser Grössenordnung sind Urban Farms auch für den Detailhandel spannend. Die Ernte vom Dach kann unten im Laden gleich verkauft werden. Oder so ähnlich.
Zudem kann die Urban Farm eines Detailhändlers auch hohen Spass- und Erlebnisfaktor bieten und damit ein auffälliges Marketingtool sein: Eine solche Anlage dient zwar der Ernährung, soll aber immer auch ein Treffpunkt sein, der die Faszination eines urbanen Gewächshauses auf dem Flachdach in Form von Events, Gastronomie oder Exkursionen für alle erlebbar macht. «Die Leute verspüren heute eine grosse Sehnsucht nach der Natur. Sie wollen wieder wissen, woher die Lebensmittel stammen, die sie essen», so Gaus. Die urbane Farm füllt diese Lücke. 2012 soll die erste in Basel starten.

www.urbanfarmers.ch
www.aquaponic.ch
www.hubzurich.ch

15. Juni 2011

Calida-Chef: «Optimierungs- bedarf am POS»

Die Calida-Gruppe hat letztes Jahr ihr bestes Ergebnis seit dem Börsengang im Jahr 1987 eingefahren. Der Gewinn stieg um über 17 Prozent. Das lag an der Luxusmarke Aubade – aber auch daran, dass Calida wieder aufblüht. HANDEL HEUTE wollte von Andreas Lindemann, General Manager von Calida, wissen, weshalb die Marke just zum 70. Geburtstag zum Börsenliebling geworden ist.

Interview: Reto Wüthrich
(erschienen in HANDEL HEUTE 03/2011

HANDEL HEUTE: Gestatten Sie mir in diesem Ausnahmefall eine etwas indiskrete Einstiegsfrage – tragen Sie gerade Calida?
Andreas Lindemann: Natürlich trage ich Calida, was für eine Frage! Heute trage ich Produkte der Serie «Evolution», ein New Boxer sowie ein Athletic Shirt aus feinster Baumwolle. Ich werde von unseren Produkt-Managern auch oft mit Trageproben eingedeckt, so bin ich im wahrsten Sinne hautnah an den Entwicklungen mit dabei.

Welche Produkte von Calida haben Sie zuletzt selber gekauft?
Zuletzt habe ich mir den Jubiläums-Slip gekauft. Dieser wurde speziell für unser 70-Jahr-Jubiläum in limitierter Auflage entwickelt. Als Design-Vorlage diente der breite Slip aus den 70er-Jahren, welcher heute als Kult-Objekt gefeiert wird und im Design Museum in London zu sehen ist.

Ihre Produkte gibts aber nicht in erster Linie im Museum, sondern frisch im Laden. Verraten Sie uns doch bitte, wie aus Ihrer Sicht die ideale Beziehung zum Schweizer Detailhandel aussieht.
Calida ist mit dem Detailhandel gewachsen und gross geworden. Aus dieser langjährigen Zusammenarbeit sind gute Beziehungen entstanden, die wir intensiv pflegen. Dies machen wir durch fachliche Unterstützung am POS, aber auch mit Marketing-Konzepten und Merchandise Support. Zudem ist Calida bekannt für die guten Service-Leistungen gegenüber dem Handel. Calida führte schon in den 50er-Jahren den 24-Stunden-Service ein und übernahm damit die Lagerhaltung für den Handel. Grundsätzlich geht es um das Marken-Image, welches wir auch über den Fachhandel kommunizieren möchten.

Wie nahe sind Sie heute der idealen Beziehung zum Schweizer Detailhandel?
Durch die langjährigen Beziehungen sind wir dem Ideal sehr nahe. Natürlich erfolgt eine Optimierung stetig und in kleinen Schritten. Den grössten Optimierungsbedarf jedoch sehe ich am POS. Ist ein Händler bereit sich auf ein paar wenige Marken zu fokussieren, dann verbessert sich sein Umsatz, und das Marken-Image wird positiv unterstützt. Denn unsere Erfahrung zeigt klar, dass die Markendarstellung in einem Multi-Label-Store in direktem Zusammenhang mit dem Umsatz steht. Oder anders gesagt: je fokussierter die Aussage am POS, je besser der Umsatz für den Handel und das Image für die Marke. Mit unserem fachlichen Know-how können wir Unterstützung bieten und somit auch Entlastung für den Handel. Wir möchten bei unseren Partnern nicht eine Marke von vielen sein, wir möchten «die» Marke sein.

Wie hat sich das Verkaufsnetz der Calida-Läden in den letzten Jahren verändert?
Unser Vertriebsnetz ist in den letzten Jahren insbesondere über die eigenen Flächen gewachsen, das heisst durch die Eröffnung von eigenen Calida Stores. 2003 wurde der erste eigene Calida Store eröffnet, heute sind wir weltweit bei rund 110. Der historisch starke Detailhandel schrumpfte Jahr für Jahr. Vor acht Jahren reagierten wir mit exklusiven Markenflächen auf diesen Schrumpfungsprozess. Wir wurden durch den Umsatzverlust zum Umdenken gezwungen und mussten neue Vertriebskanäle eröffnen.

Wie viele Läden betreibt Calida selbst?
Wir betreiben 71 eigene Calida Stores, wovon 34 in der Schweiz, 35 in Deutschland und je einen in Luxemburg und Frankreich. Zusätzlich werden 40 Calida Stores durch Franchise-Nehmer geführt – 23 in der Schweiz, 15 in Deutschland und je einer in Frankreich und Italien. Darüber hinaus wird die Marke über unsere zahlreichen Kunden an über 3000 POS präsentiert.

Was sagen Sie zu diesem Urteil: Calida kommt in der Werbung chic und modern daher, doch die Läden sind nach wie vor verstaubt.
An denjenigen POS, wo wir unseren Markenauftritt selber definieren und bestimmen können, werden wir modern wahrgenommen. Deshalb stimme ich dieser Aussage so generell nicht zu. Auf der anderen Seite bestehen noch einige POS, bei welchen wir keinen direkten Einfluss auf die Warenpräsentation und Auswahl haben. Dies insbesondere im klassischen Fachhandel. Einige machen das sehr gut, andere wiederum repräsentieren ein weniger aktuelles Bild unserer Marke.

Ganz konkret: Wo steht der Umbau bzw. die Modernisierung der Calida-Verkaufsstellen?
Wir arbeiten stetig an Verbesserungen und suchen insbesondere diesbezüglich eine engere Kooperation mit dem Fachhandel und unseren Key Accounts.

Die Modernisierung des POS ist Bestandteil weiterer Massnahmen, die Calida zur Jahrtausendwende treffen musste, weil das Unternehmen mit Problemen zu kämpfen hatte. Der Umsatz sackte ein, der Gewinn blieb aus. Was ging damals schief?
Verschiedene Faktoren spielten damals eine wesentliche Rolle. Nach den äusserst umsatzstarken 90er-Jahren konnte das rasante Wachstum darauf strukturell nur ungenügend verarbeitet werden. Zusätzlich kam die Verschlechterung der allgemeinen Wirtschaftslage dazu, was zu gravierenden Umsatz- und Ertragseinbussen führte. Historisch bestanden auch hohe Fixkosten, die in dieser Konstellation unweigerlich zu Verlusten führten.

Welches waren die wichtigsten Massnahmen, um den Turnaround zu schaffen?
Wir haben damals ein flexibles Geschäftsmodell eingeführt, welches wir sehr marktorientiert ausrichteten und die ganze Produktion flexibilisierten. Zudem wurden die Prozesse optimiert, die Kollektion modernisiert und auf die Bedürfnisse des Marktes ausgerichtet. Auch unsere Kommunikation hat sich mit starken Kampagnen in den letzten Jahren einen Namen gemacht und die Markenentwicklung unterstützt.

Heute gilt Calida wieder als starke Marke, ist gesund und gar ein Börsenliebling. Ist der Turnaround geschafft?
Den Turnaround hat Calida bereits 2003 geschafft. Mit der Akquisition von Aubade hat sich das Ein-Marken-Unternehmen Calida zu einer internationalen Gruppe entwickelt. Die Rekordergebnisse vom vergangenen Jahr sprechen für sich und erstmals haben auch beide Marken positiv und in gleichem Masse zum Ergebnis beigetragen. Unsere Optimierungen sind immer mittel- bis langfristig ausgerichtet.

Calida feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen. Im Vergleich zu anderen Unternehmen ist dies kein besonders hohes Alter – und doch ist die Marke wohl bei fast 100 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizern ein Begriff. Wie hat Calida das geschafft?
Das ist so, gemäss einer Marktforschung kennen 99 Prozent aller Schweizer Calida. Sicherlich hat die konsequente Ausrichtung auf Qualität und Innovation dazu beigetragen, aber auch die vielen prägnanten Werbekampagnen der Vergangenheit haben immer wieder zum Schmunzeln angeregt. So ist Calida heute als sympathische Marke mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis in den Köpfen hängen geblieben. Dabei ist es wichtig den Markenwerten immer treu zu bleiben.

Woran denken Schweizerinnen und Schweizer, wenn sie den Namen Calida hören?
Da hören wir immer wieder die gleichen Schlagwörter wie Qualität, Wohlfühlen, Natürlichkeit oder die bekannten Geschichten wie: «Ein Pyjama gab es immer zu Weihnachten». Heute dürfen wir auch oft zu Ohren bekommen, dass sich Calida sehr positiv entwickelt hat und die Marke als modern wahrgenommen wird.

Entspricht dies der Wahrnehmung, die auch Ihnen vorschwebt?
Klar, wir wollen Schweizer Qualitätsprodukte vertreiben, welche Komfort bieten und modisch aktuell sind. Wir sind mit der Modernisierung der Marke auf dem richtigen Weg, davon bin ich überzeugt. Aber wir haben noch viel Potenzial für die Zukunft. Die Positionierung im oberen Mittel-Segment sehen wir auch als adäquat für die Marke.

Eine hohe Bekanntheit hat oft auch mit Beständigkeit über lange Zeit hinweg zu tun. Gibt es Tugenden, die sich bei Calida über die 70 Jahre nie verändert haben?
Den Markenwerten Qualität, Komfort, Natürlichkeit sind wir in den 70 Jahren immer treu geblieben. Diese Werte und die Beständigkeit sehe ich als Stärke der Marke. Der Unterschied zu früher liegt in der Emotion – früher war reine Funktion gefragt. Heute müssen die Emotionen sprechen und überzeugen.

An der Börse interessieren sich nur wenige Menschen für Langfristigkeit. Da zählt der schnelle Profit. Wie werden Sie den Finanzmärkten und den Anforderungen der Börse in dieser Hinsicht gerecht – immerhin gilt Calida in Bezug auf die Finanzpolitik als eher konservativ und zurückhaltend.
Das stimmt, wir sind für unsere eher konservative und zurückhaltende Finanzpolitik bekannt. Diese Haltung ist auch traditionell gewachsen. Selbst die zahlreichen Bauvorhaben, welche in den Jahren des starken Wachstums immer wieder anstanden, wurden nur verwirklicht, wenn die Finanzierung aus eigenen Mitteln gewährleistet war. Wir waren immer Herr im eigenen Hause und konnten Entscheide unabhängig von Banken fällen. Darin lag und liegt auch unsere Stärke, insbesondere in der volatilen Branche in der wir uns befinden. Dass unsere Finanzpolitik auch in der heutigen, schnellen Zeit dir richtige ist, haben wir längst bewiesen.

In den 80er-Jahren diente der Börsengang nicht zuletzt dazu, die Internationalisierung von Calida vorwärts zu treiben. Wie hat sich das Auslandgeschäft seither entwickelt?
Unser Auslandgeschäft beträgt heute rund 60 Prozent des Gesamtumsatzes, und wir sehen hier auch unser weiteres Wachstumspotenzial. In der Schweiz sind wir auch sehr gut distribuiert und haben einen Marktanteil von rund 35 Prozent.

Wo genau sehen Sie im Ausland dieses Potenzial?
In Deutschland sehen wir zum Beispiel weiteres Steigerungspotenzial, obwohl wir bereits 40 Prozent unseres Umsatzes da generieren. Im übrigen europäischen Raum sind wir ein Nischenplayer, entsprechend haben wir hier noch ein grosses Wachstumspotenzial. Zusätzlich zu den bestehenden Ländern haben wir in diesem Jahr Österreich und Spanien als weitere Exportmärkte erschlossen.

Wie verkaufen Sie Calida im Ausland?
In den Exportmärkten wurde die Marke Calida über den klassischen Fachhandel oder die Warenhäuser aufgebaut. Entsprechend werden wir in diesen Ländern als sehr klassisch wahrgenommen. Mittels Internationalisierung des eigenen Retail-Netzwerkes wollen wir den Marken-Auftritt auch da analog der Schweiz und Deutschland modernisieren. Die Bedürfnisse in den verschiedenen Exportmärkten sind sehr verschieden. Zum Beispiel sind wir in Skandinavien äusserst erfolgreich mit unserer wärmenden, modischen Winterwäsche aus Wolle/Seide. In Italien dagegen wird zeitlose, elegante Baumwoll-Tagwäsche ohne viele Details bevorzugt. Ziel ist es aber, bezüglich Markenauftritt und Image in allen Ländern das gleiche zu vermitteln.

Calida-Produkte können auch über die Calida-Website gekauft werden. Wie entwickelt sich das Online-Geschäft?
Der Online-Shop ist für uns eine Serviceleistung und eine Ergänzung zu den bestehenden Vertriebskanälen. Klar, das Online Geschäft liegt im Trend und nimmt stetig zu. Wir fokussieren aber weiterhin auf unsere Flächen, wo wir unsere Kunden direkt ansprechen können.

Gibt es auch bald eine Calida-App fürs iPhone, eine Facebook-Seite, ein Twitter-Kanal – wie sieht Ihre Strategie in Sachen Web 2.0 aus?
Social Medial gehört zum heutigen Kommunikations-Mix dazu. Wir pflegen unseren Facebook-Account und YouTube, wo unsere alten Werbungen grossen Anklang finden. Sicherlich gibt es auch hier noch grosses Potenzial, denn wie so viele sind auch wir erst in den Anfängen. Für uns bietet es natürlich interessante Möglichkeiten, mit unserer neuen Zielgruppe direkt und schnell zu kommunizieren.

Sprechen wir noch über die Produkte selber: Was zeichnet die aktuelle Frühjahr-/Sommer-Kollektion von Calida aus?
Die Kontinuität besteht in den Materialien, welche mehrheitlich aus natürlichen Fasern bestehen. Was im Moment sehr aktuell ist und sich bestens etabliert hat, ist die Swim- und Beachwear-Kollektion. Bereits in der zweiten Saison verkaufen wir unsere Strick-Kollektion. Die sommerlich leichten Pullover aus einer Baumwolle/Seide-Mischung verkaufen wir zusammen mit Shorts, was dem aktuellen Casual Chic entspricht und sehr lässig wirkt. Calida kann man heute zu jeder Gelegenheit tragen.

Was kommt als nächstes in die Läden? An welchen Neuheiten arbeiten Sie bezüglich neuer Produkte oder Textilien?
Da gibt es gleich mehrere im zweiten Halbjahr. Ab Juli werden wir flächendeckend ein BH-Konzept einführen, welches auf der Basis eines Baukastensystems sieben verschiedene BH-Modelle anbietet; und dies erstmals bis Cup-Grösse F. Dieses Konzept wurde bereits in den eigenen Calida Stores mit Erfolg getestet. Zudem führen wir für Damen und Herren eine Tagwäsche ein, welche aus Organic Swiss Cotton besteht, einer Bio-Baumwolle welche mit dem Qualitätssiegel ausgezeichnet wurde und unseren hohen Ansprüchen entspricht. Für die Herren gibt es erstmals eine wärmende Unterwäsche aus Wolle/Seide. Bei den Damen führen wir dieses Produkt bereits seit mehreren Jahren mit grossem Erfolg.

Ein nicht ganz ernst gemeinter Ausblick zum Schluss: Beschreiben Sie uns kurz die Marke Calida im Jahr 2081?
(schmunzelt) Gerne lade ich Sie im Jahre 2081 auf einen Kaffee ein, um gemeinsam einen Rückblick auf die Entwicklung seit dem Jahre 2011 zu machen. Nein, im Ernst: Calida bleibt auch weiterhin den Marken-Werten treu, die bestehenden Produktsegmente werden weiter ausgebaut und ergänzt. Calida wird zu einer Lifestyle-Marke, welche mit einem knackigen Sortiment jung und alt anspricht. Die Marke soll über die traditionelle Wäsche hinaus Jugendlichkeit und Fröhlichkeit ausstrahlen.

**

Mister Calida

Andreas Lindemann verfügt über Abschlüsse als Betriebsökonom HF und dipl. Wirtschaftsprüfer. Nach einer längeren Tätigkeit in der Wirtschaftsprüfung- und Beratungsbranche hatte er verschiedene Finanzfunktionen in der Tabak- und Medienindustrie inne. Anfangs 2003 ist Andreas Lindemann als Chief Financial Officer und Mitglied der Gruppenleitung zu Calida gestossen. Im Jahr 2008 hat er zusätzlich die Leitung des Retailgeschäfts der Marke Calida mit rund 75 Calida-Stores übernommen. Zu Beginn dieses Jahres wurde er zum General Manager und Vorsitzenden der Geschäftsleitung der Calida AG befördert und ist somit innerhalb der Calida Gruppe für die Markenorganisation Calida verantwortlich.